Die richtige Entscheidung

Der Don lehnt sich zurück und nimmt einen Zug von seiner Havanna. Seit ich unter ihm arbeite, habe ich ihn nie länger als eine Viertelstunde ohne Zigarre gesehen. Das Rauchen gehört zu ihm wie der Espressos und das Beseitigen seiner Konkurrenten. Wer sich nun denkt, der Don sei ein typischer Mafioso, hat sich geschnitten, denn er besucht lieber die Hundeshow als das Pferderennen – so auch heute. Also sitzen wir auf unseren Plätzen und beobachten die Hunde und Trainer beim Vorführen diverser Tricks. Naja, im Prinzip führen die Hunde die Tricks alleine vor und mich ödet das Schauspiel genauso an, wie Pferderennen, Casinos und Verhöre in dunkeln Kellern. Bei italienischem Essen dagegen sind wir absolut einig, da bin ich der perfekte Assistent des Dons, würdig, das Familiengeschäft zu managen – und die Familienpizza zu verschlingen. Der Alte wird bald abdanken, seine Adern bestehen großmehrheitlich aus Mozzarella und er schnauft wie eine Dampfwalze. Übernimmt einer seiner dämlichen Söhne den Laden, kann das heiter werden, ist es lediglich eine Frage der Zeit, bis die einen Fehler begehen und die Cops … Meine Zukunftsfantasien werden gestört, als der Don brummt: „Wie lief die Baustelleninspektion, Burt?“
Müllabfuhr, Baustellen und italienische Restaurants sind unsere offiziellen Standbeine, nebst den kriminellen Aktivitäten. Wieso haben wir nicht längst unser Portfolio an legalen Geschäften ausgebaut? „Ganz okay“, informiere ich knapp. „Der Inspektor weiß, wenn er nicht tut, was wir wollen, kann er in einem Müllwagen mitfahren.“
„Prima.“ Der Don pafft selbstzufrieden und begutachtet einen Pudel, dessen Frisur an eine außerirdische Lebensform erinnert. „Was hat Jackie von seiner Operation zu berichten?“
„Habe vorhin am Hafen angerufen“, erkläre ich erst wahrheitsgetreu und lüge keine zwei Sekunden später: „Ging keiner ran.“ Nach einer kurzen Pause füge ich an: „Ich probier’s nochmal, bin gleich wieder da.“
„M-hm“, tönt der Mafiaboss, als ich mich erhebe und aus der Halle in Richtung der Telefonzellen schlendere. Auf halbem Weg dorthin kommt ein herrenloser Beagle herangeeilt und schnüffelt an meinem Bein. „Na Kleiner, nicht sehr folgsam, was? Soll ich dich mitnehmen? Kannst mir am Morgen die Zeitung und am Abend die Slipper apportieren“, scherze ich, was der Hund mit einem gelangweilten Schnauben goutiert und von dannen trottet. „Na, dann eben nicht“, gluckse ich vor mich hin. Vorerst bleiben meine Frau ich hundelos und wenn es soweit ist, wird sie bestimmt darauf bestehen, den Vierbeiner legal zu erwerben. Ich lange bei der Telefonzelle an, krame in meiner Jeanstasche nach Münzen und füttere das Gerät damit. Vor dem Wählen stecke ich mir eine Kippe an, um mich von meiner Aufregung abzulenken. Dreimal erklingt das Rufzeichen, dann meldet sich Karen am anderen Ende. „Schatz, wie geht es dir?“, beginne ich, ehe ich zum Wesentlichen komme: „Ich habe länger auf der Arbeit, warte bitte nicht mit dem Abendessen auf mich, ja?“
„Natürlich“, bestätigt sie und bemüht sich, die Enttäuschung zu verbergen – doch ich kenne sie zu gut. Ich habe sie die letzten Monate häufig vertröstet, etwas Großes steht vor dem Abschluss und das ist ihr bewusst. Dennoch wäre ich gerne öfters mit ihr zusammen. Bald, ja bald, können wir das wieder. „Soll ich dir was mitbringen?“
Sie überlegt, räuspert sich und sagt: „Zink, wenn du bei einem Drugstore vorbeikommst.“
„Geht auch Kupfer oder Kobalt?“
„Haha, sehr witzig“, feixt sie trocken und ergänzt: „Pass auf dich auf, Schatz.“ Wir verabschieden uns und ich hänge den Hörer auf die Gabel. Für nahezu eine Minute verharrte ich und fixiere meine abgebrannte Kippe. Karen hat ein realistisches Bild davon, was ich tue – sie hat es vermutlich schon immer gewusst und obwohl sie das Thema nie erwähnt, macht sie gerade genug Anspielungen, um mir zu zeigen, dass sie meinen Job akzeptiert. Ob sie ahnt, was mich heute erwartet? Seit wir uns vor einigen Jahren in einer Bar kennenlernten, in welcher der Whisky nach Reinigungsalkohol schmeckte und jemand auf der Jukebox „Call Me“ in Dauerschleife abspielte, konnten wir einander sofort einschätzen. Wir verloren selten viele Worte, gleichwohl gab kaum Differenzen, geschweige denn Streit zwischen uns. Aber auch ich mache Anspielungen, damit sie in groben Zügen Bescheid weiß. Und jetzt wird sich der Himmel auftun und Verderben auf die Fünf Familien regnen, davon weiß sie nicht Bescheid. Trotz meiner Unruhe grinse ich bei dem melodramatischen Gedanken dumm. „Okay“, rede ich mir selber Mut zu, werfe die Kippe weg, nehme einen Schluck aus meinem Flachmann und zünde eine neue an. „Nun dann.“ Ich hebe den Hörer ab, stecke die Finger in die Wählscheibe und trommle nervös gegen meinen Oberschenkel. Es kommt mir ewig lange vor, bis schließlich eine vertraute, raue Stimme rangeht: „Ja?“
„Ich bin’s“, begrüße ich den FBI-Agenten, mit dem ich die letzten Monate mehr Kontakt hatte, als es in meinem Beruf ratsam ist. „Die Lieferung trifft in einer Stunde am Hafen ein, alles läuft nach Plan.“
„Gut, bleiben Sie am Don.“
„Vergessen Sie nicht unseren Deal“, ermahne ich ihn, wohl wissend, welches Risiko ich eingehe. „Ich bleibe bei der Sache sauber, nichts fällt auf mich zurück.“
„Klar, Sie haben die Papiere unterzeichnet. Wir treffen uns nach der Operation.“ Damit legt er auf und ich bewege mich eine Weile nicht. Der letzte Schritt ist getan, der Don, die ganze Führungsriege, wird heute Abend im Gefängnis hocken. Ich reiße mich am Riemen, dieser Deal ist zu gut, ich hätte ihn keinesfalls ablehnen können. Unter einem der Mafia-Söhne zu arbeiten wäre ein Albtraum, so kann ich aussteigen, bevor alles den Bach runter geht. Entschlossen wende ich mich ab und spaziere möglichst gelassen zurück zu den Sitzplätzen in der Halle. Unterwegs zum Don entdecke ich den Alien-Frisur-Pudel auf dem Podest – offenbar hat sie gewonnen. Was gewinnen die Hunde eigentlich bei der Sache? Extra-Futter? Dafür, dass ich bereits oft ich auf Hundeshows war, habe ich wenig gelernt, zu sehr war ich aufs Familiengeschäft konzentriert. Wie der Don es fertigbringt, die Show tatsächlich zu verfolgen, ist mir ein Rätsel. Ich lasse ich mich auf meinen Platz fallen und flüstere: „Die Lieferung ist pünktlich, Donnies Sache läuft.“
„Bestens.“ Der Alte hustet in ein Taschentuch und deutet auf die Hunde, die sich mit ihren Haltern beim Podest aufreihen. „Siehst du? Die haben gewonnen, weil sie Disziplin haben. Weil sie bei der Sache sind, hart arbeiten.“
„M-hm“, mache ich und seufze. Gleich wird er einen Monolog beginnen und glaubt, er habe eine Botschaft zu übermitteln. Meine Hände verkrampfen sich in meinem Schoss. Er weiß doch nicht etwa von meinem Verrat? Endlich fährt er fort: „So wie du. Bescheiden, fleißig, stets auf das Wichtige fokussiert.“
Ja, das Wichtige. So, wie mir eine saubere Weste, Immunität zu beschaffen. Das unterschlagene Geld ist versteckt, das FBI und die Mafia bald aus meinem Leben gestrichen, ein- für allemal. All das nur für einen kleinen Gefallen, ein paar Infos.
Nichtsahnend schüttelt der Don den Kopf. „Nicht so wie meine Söhne, die faulen Taugenichtse.“ Er zieht an seiner Zigarre. „Und darum sollst du, wenn es so weit ist, das Familiengeschäft übernehmen. Ich kann mich darauf verlassen, dass du die richtigen Entscheidungen triffst.“
Scheiße.

Autorin: Sarah
Setting: Hundeshow
Clues: Baustelleninspektion, Lebensform, Zink, Slipper, Jukebox
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