Gestohlen

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.
Warnung: Diese Kurzgeschichte greift ein aktuelles Thema auf, das für einige schwer zu verkraften sein könnte. Mehr zu unseren Warnungen sowie wann und weshalb wir sie anwenden, erfahrt ihr in unseren FAQ.

Unser Junge hüpft vor uns her, lachend wirft er dem Hund Stöckchen. Ab und zu stolpert er über seine Füße, es ist nicht lange her, seit er gehen gelernt hat. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte er sich am Küchenstuhl hochgezogen und war seine ersten eigenständigen Schritte gegangen. Meine Frau schnauft tief durch, ich spüre ihre Furcht und sie meine. Ein vergnügtes Quietschen fliegt über die schneeverkrusteten Felder, für meinen Sohn bestimmt Ausgelassenheit diesen Moment. Er fällt hin, springt sogleich wieder auf und tobt dem Terrier hinterher, der unter dem vertrockneten Boden eine Maus wittert. Seine strohblonden Haare lugen im Nacken unter der Mütze hervor, gestern noch schlief er neben mir auf der ausgemusterten Matratze im Keller und ich habe den Duft seiner weichen Locken eingeatmet. Der Feldweg gegen Westen ist knapp neunzig Zentimeter breit, meine Landsleute durchspülen ihn regelrecht, die Massen schwappen auf die Äcker über. Bis vor einer Weile durchmischten sich unzählige Unterhaltungen, Erwachsene stimmten in das Flennen der Kinder ein, nun ist es größtenteils ruhig, gespenstisch still. Wir sind erschöpft, Kummer sitzt in unseren Körpern, macht sie schwer. Dabei marschieren wir gerade erst dem Anfang entgegen.
„Ach“, seufzt meine Frau und nimmt mich an der Hand. Unter Anstrengung gelingt es mir, ein Schluchzen zu unterdrücken. Ihre Wärme wird mir am meisten fehlen. „Schön wie er spielt.“ Ich beobachte unseren Kleinen und nicke, derweil erscheint mir sein Glück wertlos, ist es doch zur Unbeständigkeit verdammt. Welchen Sinn hat es, heute vor Freude zu jubeln, wenn wir schon morgen vom Chaos vernichtet werden? Meine Gedanken beschämen mich, dennoch nehmen sie mich ein. „Er wird viele Gelegenheiten zum Spielen haben“, meint sie mit fester Stimme. Ich schweige. Ich schweige, weil ich ihr nicht glaube. Ich schweige, weil ich ihr unbedingt glauben will. „Dafür sorge ich!“
Der Wind zieht an, Eisregen glitzert in der Abendsonne und zerkratzt unsere Gesichter. Das Dach eines abseits gelegenen Bauernhauses leuchtet orange, im Blumenbeet liegt Gartenwerkzeug. Die Anwohner hatten dem Frühling entgegengefiebert. „Schätzchen“, ruft meine Liebste. Sie klingt heiser, hat die letzten Tage oft geheult. „Schätzchen, es ist Zeit, dich auszuruhen.“ Wir warten darauf, dass er angerannt kommt. Ihre Finger lösen sich meinen, der Kloss in meinem Hals beginnt zu brennen. Liebevoll hebt sie unseren Jungen auf den Bollerwagen, in den wir die notwendigsten Habseligkeiten geladen haben. Der Hund setzt sich prompt dazu und meine Liebste deckt die beiden mit dem Wollschal ihrer Mutter zu. Sie hat ihre Eltern vor einigen Jahren verloren, ich kann mich an meine kaum erinnern. Wir sind alleine auf der Welt, egal wie eng es um uns herum wird. Zu gerne hätte ich ihnen meine Staffelei mitgegeben, ein Stück Holz, verfärbt von zahllosen Stunden der Schöpfung, meiner Arbeit. Ein angemessenes Andenken an mich. Aber für Sentimentalitäten haben wir keinen Platz, wir müssen sie in uns tragen. „Na, so ist es besser.“ Meine Frau lächelt gequält, nestelt an den Trägern ihres Rucksacks und läuft weiter. Ich begleite sie. Ich begleite sie, so weit es mir erlaubt ist, bis ans Ende der Erde, ans Ende meiner eigenen Reise. Und ich will dankbar sein für jeden Meter, den wir gemeinsam gehen. Wie es wohl sein wird, ein Leben zu nehmen? Werde ich mir dafür vergeben?
Ich schaffe es nicht in der Gegenwart du verweilen, getrieben von Angst zwingt mich mein Geist, bereits jetzt in der Fantasie der Zukunft zu leiden. In meinem Inneren drängen schreckliche Szenen in den Vordergrund. Ich sehe meine Familie, die hinter der Grenze Tränen vergießt, jede Minute um mich bangt. Ich sehe mich geschunden im Dreck, getrieben von Panik jeden Schmerz vergessend. Ich sehe mich zwischen Trümmern überwältigt von fassungsloser Wut, mich an meiner Menschlichkeit festklammernd. Ich sehe meine Freunde aufgelöst von Trauer, zerfressen vom bitteren Kampf um Freiheit. Ich sehe mich durch die Ruinen meiner Vergangenheit wandeln, entfremdet von dem, was einst mein Zentrum war. Ich sehe zerplatzte Träume in zerplatzten Schädeln. Ich sehe Despoten Zerstörung und Tod feiern, auf den Gräbern gefallener Helden tanzen, während das Universum betroffen ins Leere läuft. Es ist, wie es immer war, wer versagt, die Herzen der Menschen zu gewinnen, stiehlt ihnen das Leben und alle verlieren. Nichts wünsche ich mir mehr, als dass mein Kind diese Lektion nie lernen muss. Und ich weine. Ich weine leise, versteckt unter meiner Kapuze.
Kurz bevor wir das Dorf erreichen, wo wir uns ein Nachtlager erhoffen, tauchen Soldaten am Wegrand auf. Unsere zum Feind befohlenen Brüder. Einige brüllen sie an, andere sind zu müde, um sie mit Blicken zu würdigen. So auch meine Frau. Mit gesenktem Haupt zieht sie an ihnen vorüber, mein Sohn beäugt sie ängstlich, umarmt den Hund fester und ich schaue hin. Statt selbstbewusster Entschlossenheit, erkenne ich bloß verirrte Männer. Noch vor einer Woche hätte ich sie eingeladen, ihnen eine Mahlzeit und eine randvolle Kaffeetasse gebracht. Nun ist alles anders. Nun stehen wir uns hier gegenüber. Wie es wohl sein wird, ein Leben zu nehmen? Werde ich mir dafür vergeben? Ich frage mich, ob sie von denselben Alpträumen geplagt keinen Schlaf finden. Da halte ich inne, schließe die Augen und schwöre einen stummen Eid, zu tun, was zu tun ist, um zu verteidigen, was verteidigt werden muss.

Autorin: Rahel
Setting: Feldweg
Clues: Hund, Blumenbeet, Staffelei, Freiheit, Kaffeetasse
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