Fan-Bonus | Der sprichwörtliche Judas

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.
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Johanns Seesack lag gepackt für seine vorerst letzte Ausschiffung am Fußende des Kajütenbetts. Er schnaufte schwer durch, legte den Tragegurt ordentlich hin und stapfte aus seiner Kabine, um sich in der Offiziersmesse mit Marinko und Simon zu treffen. Beinahe vier Jahre diente er an der Seite[passster password=“rE498-4721dsf“] der beiden und wie jeder, der einer ähnlichen Kariere wie er folgte, bezeugte Johann, dass die besten Freundschaften im Dienst für die Heimat entstanden. Naja, wahrscheinlich gehörte zu dieser Auslegung eine gehörige Portion Schönrederei. Hundertvierundneunzig lebten auf der Albrecht IV, einer Fregatte vom Typ F123, auf engstem Raum. Es blieb ihm keine andere Wahl, er musste sich mit seinen Kammeraden arrangieren. Trotzdem war es ein langer Prozess gewesen, bis er zu seinem Entschluss gekommen war. Einem Entschluss, den er, so richtig er war, vermutlich für den Rest seines Daseins bereuen müsste.
„Jo, da bist du ja.“ Marinko winkte ihn freudig heran und meinte gespielt vorwurfsvoll: „Du bist zu spät.“ Das Schiff liefe erst in zweieinhalb Stunden im Hafen ein, alle Vorbereitungen, an denen Johann und seine beiden Kumpane beteiligt waren, waren erledigt.
„Ruhig ist’s“, merkte Johann an, als er die Bank vorzog und sich setzte. Obschon sie in solch heiklen Situationen natürlich stets bereitstanden, konnten sie es sich erlauben eine Auszeit zu nehmen, während der Rest der Besatzung jedem Wort der Oberoffiziere und des Kommandanten folgeleistete.
„Die Ruhe vor dem Sturm.“ Simon war bekannt für seine Plattitüden, das war halt sein Ding. Er klopfte ihm zur Begrüßung auf die Schulter und holte für sie drei Kaffee von der kleinen Anrichte. Kaum zu glauben, aber Johann hatte die Messe zu Beginn seines Einsatzes deprimierend gefunden. Das vergilbte Nussbraun der spartanischen Einrichtung, der grüne PVC-Bodenbelag, auf dem sich die Pfade der Mannschaften regelrecht eingedrückt hatten, die winzigen Fensterluken, durch die wenig Licht, dafür reichlich Tristesse eindrang – alles erinnerte an ein heruntergekommenes Hostel. Mittlerweile hat sich der Raum mit derart vielen angenehmen Erinnerungen gefüllt, dass Johann ihn tatsächlich vermissen würde.
„Na, freust du dich auf Leonore?“, feixte Marinko und boxte ihm auf den Oberarm. „Sie vermisst dich bestimmt.“ Der Angesprochene nickte, senkte den Kopf und schmunzelte wehmütig. Leonore, seine geliebte Leonore. Er träfe sie am Hafeneingang, hatte er ihr versprochen, in knapp drei Stunden.
„Na, hoffentlich vermisst sie mich“, gab er zurück. Johann hatte längere Zeit auf einem U-Boot gedient, nach einem Unfall mit einem Peroxid-Tank war ihm allerdings die Lust am Tauchen vergangen, also heuerte er auf der Albrecht IV an. Der weitaus niedrigere Posten stellte sich zuerst als Glücksgriff heraus – bessere Arbeitsbedingungen und mehr Landurlaub bei Leonore machten das verlorene Ansehen wieder wett – jedoch brachte er ein moralisches Dilemma mit sich, mit dem Johann nicht gerechnet hatte. Eines, das leider auch seine Frau beträfe.
„Habt ihr etwas Romantisches vor?“, erkundigte sich Simon mit einem für die lockere Unterhaltung zu angespannten Gesichtsausdruck. Johann schluckte, rieb sich am Kinn und betete, sein Kamerad möge die Scharade vor Marinko aufrecht halten. Zusammen mit den Papieren, versteckt in seiner Schmutzwäsche, wartete ein Brief darauf, von Leonore entdeckt zu werden – ein wohl lausiger Versuch, sich für seine Entscheidung zu rechtfertigen.
„Nein, nichts Besonderes.“ Als Marinko sich kurz umdrehte, um Kaffee nachzuschenken, starrte er Simon an und formte mit seinen Lippen die lautlose Bitte: „Sei still!“
„Komm schon, Jo“, tönte Marinko heiter. „Deine Angebetete verdient ein nettes Candle-Light-Dinner mit sulziger Musik und Nachtisch, bevor du dich auf sie stürzt.“
„Ach, halt die Klappe“, empörte er sich halbherzig und ignorierte Marinkos eindeutig zweideutige Geste. Als Matrose weit weg von der Liebsten stationiert zu sein, kam einem Potenzmittel gleich, denn nach einigen Wochen auf See war nicht alleine das Meer blau.
„Ja, ja.“ Grinsend erhob sich Marinko, stürzte seine frisch gefüllte Tasse Kaffee in wenigen Zügen hinunter und meinte: „So, ich räum mal die Kajüte. Wir sehen uns nachher, Jungs.“

Kaum war die Tür zum Flur hinter Marinko zugefallen, kippte die Stimmung. Simon beugte sich über den Tisch und fixierte Johann mit einem durchdringenden Blick. „Willst du es wirklich tun?“
„Ja.“ Die Selbstverständlichkeit, mit er diese schlichte, dennoch so komplexe Antwort vortrug, überraschte beide Seemänner.
„Wer Wind säht, wird Sturm ernten.“ Dringlichkeit schwang in der abgedroschenen Phrase mit. „Das ist dir bewusst, oder, Johann?“
Dieser ächzte müde. Der Wind war eine dünne Dokumentenmappe, gut verstaut in seinem Seesack, die ihrer aller Leben verändern wird – seines womöglich in den Abgrund stürzte.
„Es muss sein, Simon. Es muss“, trug er fatalistisch vor, rückte von seinem Gegenüber weg und stand auf. Bald säße er in einer Nussschale auf dem Weg an Land, dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Er malte sich aus, wie Leonore und seine Familie auf seinen Verrat am Vaterland reagieren, ob sie ihm beistehen würden.
„Johann, ich flehe dich an“, begann Simon und kam ihm nach. „Du rennst mit offenen Augen ins Unglück, verbrennst dir die Pfoten. Wie das Sprichwort lehrt: Gib Acht, dich nicht in fremde Angelegenheit einzumischen, ja, lass sie dir noch nicht einmal durch den Kopf gehen, denn vielleicht bist du nicht fähig, deine eigene Aufgabe zu erfüllen.“
„Du mit deinen halbgegorenen Weisheiten aus irgendwelchen Facebook-Posts mit tausend Rechtschreibfehlern und fragwürdiger Kommasetzung.“ Seufzend ertastete Johann die Türklinke und wandte sich zum Gehen, vorher sagte er, ohne Zweifel an seiner Ernsthaftigkeit zuzulassen: „Unser Admiral ist täglich betrunken, gibt unverantwortbare Befehle und niemand ist bereit, das richtige zu tun. Ich habe kein Problem damit, wenn du dich raushältst, solange du mich nicht aufhältst. Klar?“
Simon schwieg eine Weile, ehe er zustimmend brummte und seinen Kameraden ungehindert ziehen ließ. Dann fuhr er sich durchs Haar, ging zur Anrichte und nahm sein Handy aus der obersten Schublade. Nachdem er die Aufnahme gestoppt hatte, murmelte er „Oh Johann, was steckst du auch den Kopf in die Schlinge?“ und machte sich in Richtung der Kommandobrücke, wo er sich mit dem Sicherheitsoffizier verabredet hatte.

Autorin: Rahel
Setting: Messe (Schiff)
Clues: Peroxid, Nussschale, Potenzmittel, Kommasetzung, Musik
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