Fast wie im Kino

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der achten Clue Writing Challenge.

„Pst“, mahnte Danielle, als sie dicht gefolgt von ihrem besten Freund durch das leere Büro schlich. Walter, der wesentlich weniger engagiert bei der Sache war, schlurfte regelrecht über den Teppichboden. „Hey, warum schalten wir nicht das Licht ein?“
„Nein“, zischte Danielle. „Hast du sie noch alle? Jemand könnte uns sehen!“
„Wer denn? Es ist ein Uhr nachts an einem Samstag, verdammt. Nicht einmal bei uns in der IT sind da noch Leute im Haus.“
„Ach, reg dich nicht auf, diese Operation war deine Idee.“
Walter lachte trotz der bizarren, ihm unbehaglichen Situation, leise vor sich hin. „Operation? Du streamst zu viele Spionagefilme, meine Liebe.“
„Miesmacher.“ Danielle bog um eine Ecke und schaute im grünlichen Schimmer des Exit-Schildes hin und her. „Da ist keiner.“
„Echt?“ Walters Antwort troff vor Sarkasmus, ehe er wieder ernst wurde. „Sag mal, bist du dir sicher, dass das ein schlauer Plan ist?“
„Natürlich. Und wieso stellst du ihn jetzt in Frage? Ist ein bisschen spät, oder?“
„Ja, schon, nur …“ Walter stockte, hielt inne und schnaufte nachdenklich.
„Nur was?“, forderte Danielle ihn zum Weitersprechen auf.
„Wir sind doch vorbildliche Mitarbeiter, nette Leute, du weißt schon. Ich habe noch nie in meinem Leben einen läppischen Kugelschreiber geklaut. Und das, was wir anstellen, ist nicht gerade …“
„Nein, nein, nein“, unterbrach die Wissenschaftlerin ihn überzeugt. „Was wir anstellen, wie du dich ausdrückst, ist das Richtige, glaub mir. Irgendwer muss es tun, und wenn nicht wir, wer dann?“
Walter unterdrückte ein Seufzen. „Stimmt schon. Es gefällt mir zwar nicht, aber du sagst es, dagegen muss was unternehmen werden. Und es ist Wochenende, niemand wird uns verdächtigen, wir haben die Tür ohne Badge-Schloss benutzt und es hat nirgends Kameras, also alles ein Kinderspiel.“
„Ja, klar.“ Walter überlegte kurz. „Ich habe nicht behauptet, ich sei dagegen, bloß nicht unbedingt glücklich. Du hingegen scheinst so, als könntest du eine Geheimagenten-Phantasie ausleben.“
„Hm“, murrte Danielle und zuckte demonstrativ mit den Schultern, eine Geste, die ihr alter Freund und Mitarbeiter im Dunkeln zweifelsohne übersah. „Ehrlich, mir ist bei der Sache auch nicht wohl, ich strenge mich einfach an, das Beste daraus zu machen und es mit Humor zu nehmen.“
„Wann nimmst du irgendwas nicht mit Humor“, gluckste Walter, in Richtung des Serverraums deutend. Ein wenig entspannter schlug er vor: „Gehen wir weiter.“
Das Duo schritt voran und langte innert kurzer Zeit vor der angelehnten Zugangstür an. „Die ist tatsächlich nicht abgeschlossen“, stellte Danielle erstaunt fest. „Du hattest Recht.“
„Ich habe immer Recht“, frotzelte Walter, nun auch darum bemüht, die Stimmung zu lockern. „Das Terminal ist in der dritten Reihe.“
Danielle stieß die Tür auf und fuhr zusammen, als das Deckenlicht im Serverraum aufflammte. „Shit, Bewegungsmelder.“
„Egal, hat ja keine Fenster. So entdeckt uns niemand, wir schieben die Tür von innen zu, raus kommt man sowieso. Los, weiter.“
„Gut.“ Danielle huschte zum Terminal und kramte einen Memory-Stick aus der Jeanstasche. Kaum hatte sie das Gerät eingeschaltet, steckte sie den Stick in einen USB-Port und wollte wissen: „Admin-Passwort?“
„Eins-zwei-drei-vier“, gab Walter zurück und schnaubte amüsiert, was der Kollegin einzig ein trockenes „Witzbold“ entlockte. Er trat vor die Tastatur und tippte das echte Passwort ein, bevor er mit dramatisch gestikulierend meinte: „Wir sind drin.“
„Wer schaut hier zu viele billige Actionfilme?“, neckte Danielle ihn. „Okay, die Dateien sind auf dem L-Laufwerk, Ordner ‚Projekt Drachenschuppe‘.“
Während der Informatiker das Verzeichnis kopierte, fragte er: „Was für komische Namen erfindet ihr bei R&D eigentlich?“
„Was denn? Es könnte schlimmer sein. Außerdem wird das eine gute Schlagzeile in den Zeitungen.“
„Nicht, dass es die Absicht der Firma wäre, dieses Projekt in den Zeitungen zu sehen“, merkte Walter an. „Das wird ziemlich viel Staub aufwirbeln.“
„Ja … Trotzdem könnte ich es niemals mit meinem Gewissen vereinbaren, wenn dieses Projekt jemals in die Tat umgesetzt würde. Es ist eines, in unserer Branche zu arbeiten und zu tun, was wir tun, aber dieses Projekt geht sogar mir zu weit.“
Nachdem er ein Dialogfenster bestätigt hatte, entfernte er den Stick aus dem Gerät und fuhr es herunter. „So, fertig. Verschwinden wir, sonst erschießt uns noch irgendein Nachtwächter.“
„Halt … unsere Nachtwächter haben Schusswaffen?“
„Keine Ahnung, ist mein erstes Mal als Whistleblower.“
„Und meines etwa nicht?“, keifte Danielle, wobei sie die Tür des Serverraums hinter sich zuzog. „Komm schon, zum Lift. Ich will nicht herauszufinden, ob die Pistolen haben.“
„Dito.“ Die beiden eilten durch das leere Großraumbüro zurück auf den Gang und Walter drückte mehrmals auf die Ruftaste für den Aufzug. Danielle sah sich derweil im Flur um und meldete mit der besten Agentinnenstimme ihres Repertoires: „Sauber.“
„Das will ich doch sehr hoffen“, tönte jemand aus dem Aufzug, dessen Türen sich in diesem Moment öffneten. „Den Stock habe ich gerade erst geputzt, es gibt ja noch sowas wie Berufsstolz, ne?“ Das Duo starrte entsetzt auf die Putzfrau Rita, die auf ihren Wagen gestützt in der Liftkabine stand. „Ihr wollt mit hoch, ja? Erdgeschoss?“

 

Autorin: Sarah
Charaktervorgaben: Danielle, Rita, Walter
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