Kontamination

„Scheiße, sogar die Innenbeleuchtung verstößt gegen die Sicherheitsstandards”, nuschelte Aarush Khatri kaugummikauend.
„Deswegen sind wir hier“, gab Hagen schmunzelnd zurück, stimmte dann aber zu: „Die Anzahl der Übertretungen ist wirklich schockierend. “ Kaum hatte er das gesagt, passierten die beiden eine defekte Tür, die lediglich mit etwas gelbem Klebeband und einem Zettel, auf dem stand „Entrance for Clearance Level 7 and above only“ vor Neugierigen geschützt wurde. „Ich will gar nicht wissen, wie die hermetischen Tanks aussehen“, merkte er weiter an, bevor er abbog und in einen lotterigen Fahrstuhl stieg. „Wohin nochmal? Vier?“
„Sechs“, korrigierte Khatri, der wartete, bis sein Kollege den Knopf gedrückt und die Schiebetüren sich geschlossen hatten. „Wir haben lange niemanden getroffen.“
„Ja. Sind wohl alle im Speisesaal.“
„Keine Wachen?“ Der Jüngere blickte sich in der Liftkabine um, als erwartete er in dem engen Raum einen Soldaten übersehen zu haben.
„Keine, die mir aufgefallen wären.“ Klaus Hagen starrte geradeaus auf die vor dem Gitter vorbeischleichenden Stockwerke. „Vermutlich gibt es hier bei Nichterscheinen am Posten wenig Ärger.“
„Hast du jemals sowas erlebt?“
„Nein.“ Die Antwort kam prompt. „Nicht mal ansatzweise, dabei war ich seinerzeit bei den Aufräumarbeiten des Bolivien-Vorfalls im Einsatz.“
„Die mutierten Versuchsaffen?“
„Jap.“
„Fuck.“
„Du sagst es.“ Der Aufzug ruckelte, sackte einige Zentimeter ab und schoss in die Höhe in den Sechsten. „Tja, das hat man davon, wenn man an Tieren experimentiert“, seufzte Hagen und klopfte dem anderen auf den Rücken. Ein rostiges Quietschen hallte durch den Schlaftrakt, als die Fahrstuhltüren aufgingen. Niemand in Sicht.
„Hast du die Zwinger im Außenkomplex gesehen?“, erkundigte sich Aarush.
„Ja. Wölfe. Dumme Idee.“ Sie traten in den Flur und marschierten durchs Halbdunkel zu ihren Quartieren. „Bis morgen.“
„Bis morgen“, erwiderte Khatri die Verabschiedung und schloss sich in seinem Zimmer ein.

Trotz eines unguten Gefühls schlief Aarush rasch ein. Jetlags waren für ihn ungewohnt und außer für sein Training hatte er das Unionsterritorium kaum je verlassen. Die vielen Reisen waren mitunter ein Grund gewesen, weshalb er sich nach der Uni für diesen Job beworben hatte. Zwar waren weder Bezahlung noch der Spesenkatalog glamourös, doch als zugelassener Biomedizininspektor durfte er hoffen, stets am Puls der neuesten Entwicklungen zu sein. Der Wecker piepste schief, Khatri setzte sich auf und griff desorientiert nach dem Geräuschverursacher. Eine Weile betrachtete er das Ziffernblatt und kratzte sich einen krustigen Popel vom Nasenflügel, ehe er brummte: „Nein.“ Verwundert schüttelte er den Kopf, legte den stummen Wecker zurück aufs Nachttischchen und zog seine Socken an. „Was ist das?“ Nach und nach erwachte sein Verstand und er begriff, dass mitternächtlicher Alarm in einer internationalen Forschungsbasis wahrscheinlich ein schlechtes Zeichen war. Ruckartig erhob sich Aarush und langte nach dem Lichtschalter. Nichts tat sich, es blieb zappenduster.
„Khatri“, dröhnte es von der Tür her. „Khatri, mach auf!“
„Was ist los?“ Unsicher ging er auf das Klopfen zu und nach einigem Fummeln gelang es ihm, die Klinke zu finden. „Hagen, was …“
„Zieh dich an“, befahl der Ältere durch die Atemfiltermaske gedämpft und drückte ihm einen Schutzanzug in die Hand. „Wir müssen los.“
„Was ist passiert?“ Aarush wurde beinahe schlecht vom grünlichen Flackern der Notbeleuchtung. Auf einem Bein balancierend zog er die Plastikhosen hoch, dann streifte er Jacke und Handschuhe über und ließ sich von Hagen die Ärmel mit Klebeband abdichten. „Was ist passiert, verdammte Scheiße?“, fragte er erneut, darum bemüht, möglichst gleichmäßig zu atmen.
„Keine Ahnung. Der Alarm ging los, als ich auf dem Weg in die Kantine war, da hasteten auf einmal Soldaten und Laboranten an mir vorbei. Irgendwas ist wohl …“ Klaus Hagen hielt inne und fixierte seinen Kollegen. „Kontamination.“

„Da, da hinten“, keuchte Aarush Khatri auf eine Stahltür deutend. Daneben hing in einem vergilbten Bilderrahmen ein Plakat mit Sicherheitsvorschriften sowie Wegweisern zu den Notausgängen.
„Na, immerhin haben sie ein Plakat“, lachte Hagen hysterisch am Vorhängeschloss rüttelnd. „Scheiße nochmal, verriegelt.“
„Und die anderen sind in diese Richtung gerannt?“ Hagen bejahte, kickte frustriert an den Türrahmen und hebelte anschließend einen Feuerlöscher von der Halterung. Verputz rieselte und Staub wirbelte auf.
„Dem Staub nach zu urteilen, wurde die Tür schon länger nicht mehr geöffnet“, holte er aus, als Klaus den Feuerlöscher gegen das Schloss hämmerte. „Ich denke das ist … Oh Gott.“ In einem der hinteren Gänge erschien ein Soldat, der frenetisch fuchtelnd heransprintete. „Hagen, pass auf!“, schrie Khatri. Zu spät. Der Mann hatte sich auf seinen Kollegen geworfen, sodass dieser mit dem Kopf gegen die Wand schlug und mitsamt splitterndem Bilderrahmenglas auf den Boden knallte. „Was zur Hölle ist hier los?“, brüllte er und zuckte zusammen, als sich der Angreifer aufrappelte, Hagen allerdings liegenblieb. „Hagen!“ Ängstlich strauchelte Aarush einige Schritte zurück und stieß gegen den Feuerlöscher, den er instinktiv aufhob. „Bleib weg von mir.“
„Sig käi Dubbel“, machte der Uniformierte und sah Khatri eindringlich an, während er sich ihm langsam näherte. „Chaisch uf käi Fau dört usä, bisch verruckt?!“ Er verstand kein Wort, aber seine Körpersprache war bedrohlich, also klammerte er seine Finger fest um den Feuerlöscher und hielt ihn zwischen sich und dem manisch wirkenden Soldaten, dessen Kopf mechanisch im Takt des Alarms wippte.
„Ich bin Aarush Khatri, beauftragt vom Internationalen Institut für Biomedizin und Biosicherheit, ich bin befugt mich hier aufzuhalten und habe keine Intention …“
„Legg dä Extincteur wäg“, bellte er unbeeindruckt,
„Tu … Tun Sie mir nichts“, stotterte der junge Inspektor, da entdeckte er das abgebrochene Vorhängeschloss halb versteckt unter Hagens Bein. Die Tür war offen! Panisch vom Ausgang zum Fremden hin und her schielend, überlegte Aarush fieberhaft, wie er entkommen könnte. Der andere nahm ihm die Entscheidung ab.
„You die“, meinte der Soldat in gebrochenem Englisch und marschierte los. Auf die Drohung hin übernahm Khatris Körper die Kontrolle. Mit voller Wucht warf er sich nach vorn, holte seitlich aus und schmetterte dem Soldaten den Schlagkopf des Feuerlöschers auf die Schläfe. Reglos schaute er zu, wie der Uniformierte in sich zusammensackte. Ein Glückstreffer für ihn, ein Unglückstreffer für den Bewusstlosen. „Scheiße, scheiße, scheiße!“, fluchte Aarush vor sich hin und schleuderte seine mit Blut vollgespritzte, improvisierte Waffe weg. „Scheiße.“ Sich über Hagen beugend langte ihm an den Hals, tastete vergeblich nach einem Puls, indes breitete sich unter dem gefallenen Soldaten eine rote Pfütze aus. „Verkackte Drecksscheiße!“
Plötzlich hallte entferntes Stimmengewirr von der Treppe her. Khatri stöhnte verzweifelt: „Nein, nein, nein!“ Ihm war klar, wie die Situation aussah und er wußte nicht, was auf ihn zukam. „Kontamination“, flüsterte er, Hagens Vermutung wiederholend. „Fuck, was tue ich bloß? Denk, Khatri, denk.“ Seine Bewegungen wurden hektisch, zitternd packte er Hagen bei den Fußgelenken und schleifte ihn aus dem Weg. Die Rufe wurden lauter. „Sie kommen, scheiße, sie kommen. Die Kontaminierten kommen!“, murmelte er an seinem Kollegend zerrend.
„Stop, step away from the door!“
Er hatte eine Wahl zu treffen, entweder die sofortige Konfrontation mit Militärs, das von weiß der Teufel was infiziert war, oder sich aus der Forschungsbasis aussperren und in der Kälte der Tundra nach Hilfe suchen. Eine kleine Gruppe Männer und Frauen in Laborkitteln raste um die Ecke, im übelkeitserregenden Schein der Notbeleuchtung kamen sie ihm vor wie Zombies. Als er die Tür endlich aufmachte, blieben ihm drei Sekunden, das Ausmaß der Katastrophe zu erfassen, bevor eine blutrünstige Wolfsmeute ins Innere stürmte und ihn in Stücke riss.

Autorin: Rahel
Setting: Forschungsbasis
Clues: Innenbeleuchtung, Popel, Nichterscheinen, Kälte, Bilderrahmen
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