Fan-Bonus | Nachfolger

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.
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Der Parteipräsident trat mit schweren Schritten an das Podium und räusperte sich feierlich. Sogleich verstummte das Geschnatter der Journalisten sowie Funktionäre, wich jener gespannten Stille, die stets [passster password=“rE498-4721dsf“]herrschte, wenn der Anführer das Wort ergriff. Seit nahezu jeher war seine Stimme diejenige der Partei, des Landes, des Volkes; niemand hatte je gewagt, ihm zu widersprechen, seine absolute Weisheit anzuzweifeln.
„Werte Mitglieder der freien Presse, mein geleibtes Volk“, begann er feierlich. „Lasset uns die Symbiose zwischen Mensch und Staat an diesem denkwürdigen Tag feiern. Heute, vor zwanzig Jahren …“ Ganz unerwartet brach er in einen Hustenanfall aus, der die ganze Andacht zerstörte und der Propagandaabteilung etwas zu zensieren gäbe. Eilig huschten drei Generäle in Schmuckuniform auf das Podium, um dem weisen Herrn in seiner Bedrängnis zur Seite zu stehen. Ein verunsichertes Raunen huschte durch die Menge. Der Parteipräsident verdrehte derweil die Augen, röchelte ein letztes Mal und kippte um, ehe ihn auch nur einer der herbeigewatschelten Militärs anfassen konnte.
Die Stille lag derart dick, nahezu fühlbar, in der Luft. Angespannt starrten alle auf die hinter dem Podium hervorragenden Füße des großen Mannes, die zu zucken aufgehört hatten.

Es dauerte nahezu zwei Minuten, bis sich ein Fünf-Sterne-General dazu durchrang, ans Podium zu treten und das Offensichtliche festzustellen: „Werte Genossen“, begann er mit gebrochener, zutiefst erschütterter Stimme, „der Parteipräsident ist tot.“
Panische Rufe wie „Wir sind führerlos!“, „Wir sind verloren“ und „Das ist das Ende“ hallten, begleitet von gepeinigten Trauerschreien, durch den Parteizentrale-Presseraum, während die Kameras weiter liefen und das unerwartete Spektakel live in die Wohnzimmer aller Bürger der Atommacht übertrugen.
General Mao blieb weiterhin wie seine vier Begleiter neben dem toten Landesvater in der Hocke. Er hielt das Haupt in Andacht gesenkt, begriff trotzdem als erster, was dieses Ereignis bedeutete. Ohne seine Haltung zu verändern, murmelte er den anderen Generälen zu: „Wir haben ein Problem: Der Präsident hat alle seine Verwandte hinrichten lassen, es gibt keinen Nachfolger in der Familie. Wir müssen unbedingt sofort etwas für unser Land tun!“
Die beiden Genossen hielten ihre Position genauso, es war wichtig, dem gefallenen Anführer den notwendigen Respekt zu zollen; außerdem konnten sie so Zeit schinden. General Chao antwortete als erster: „Wahrlich eine Misere, wer ist für den Posten am besten geeignet? Der Kriegsminister etwa?“
Sofort zischte General Tao, der dritte im Bunde: „Dieser Hofnarr kann gerade so eine Mittelstreckenrakete von seinem Eisbecher unterscheiden, nur über meine Leiche! Noch lieber sähe ich den alten Mao hier als neuer Parteipräsidenten und das wäre die peinliche Lachnummer schlechthin!“
„Was?“, empörte sich Mao sogleich. „Zeige gegenüber deinen Älteren den notwendigen Respekt!“
Bestimmt schüttelte Tao den Kopf, bekam seine Gestik aber sogleich wieder in den Griff. „Du wurdest vom Stadtleben korrumpiert, noch nie hast du ein Feld bestellt. Volksnähe ist deine Schwäche, die Sowjets hätten dich längstens in eine Kolchose geschickt!“
Schlichtend versuchte Chao einzugreifen. „Bitte, Freunde, wir stehen hier vor einem ernsthaften Problem, der Staat braucht Führung und Kontrolle, keinen alten Streit!“
„Nein“, gab Mao gereizt zurück. „Wenn dieses Bauernsöhnchen von hinterm Mond, das eher einen Sandkristall als unseren Präsidenten angebetet, glaubt, er kann mir seine Meinung geigen …“
„Genossen!“, fauchte Chao. „Später! Das Volk braucht uns.“
„Ach, was hast du je fürs Volk getan, du unpatriotischer Klugscheißer?“, ereiferte sich Tao, nun seinen Zorn auf den armen Chao lenkend. „Genau, nichts! Es ist ein Wunder, wurdest du noch nicht an eine Wand gestellt für deine Arroganz.“
„Es ist niemals Arroganz, der Partei vorzuschlagen, wirtschaftliche Öffnung in Betracht zu ziehen“, grummelte Mao. „Ich kann diesen Trottel zwar genauso wenig leiden, nur ein Verräter ist er deswegen keinesfalls.“
„War ja klar, wie schnell du dich auf seine Seite stellst!“, rief Tao sich erzürnt erhebend aus. „Jedes verfluchte Mal, wenn ich einen kritisiere und des Landesverrats beschuldige, nimmst du ihn in Schutz! Das tust du bloß, um mich zu ärgern, ich weiß es genau.“
„Nun reicht es mir endgültig!“ Chao sprang mit klimpernden Abzeichen auf, riss seine Mütze vom Kopf und warf sie auf den fülligen Bauch des toten Parteichefs. „Wir haben dem Volk vorgemacht, dieser tote Trottel könne alles, sei ein Erlöser, obgleich er bloß mit seinen Mätressen schlief. Na gut, ab und an sah er einem Raketentest zu. Zu alledem darf ich mit euch Volldeppen zusammenarbeiten und fürchten, einer von euch pennt ein und liegt dabei auf den roten Knopf. Dieses Land ist ja kaum zum Aushalten!“
„Sachte, Jungchen“, beschwichtigte nun Mao. Seine Beine zitterten, als er aufstand, in seinem Alter war es schwer, lange in der Hocke zu bleiben, toter Erlöser hin oder her. „Du kannst doch nicht vor dem Körper von ihm so eine Aussage machen.“
„Wir haben alle gesehen, wie er gerülpst und sich am Hintern gekratzt hat“, wandte Tao lakonisch ein. „Das wurde erst von der Propagandaabteilung herausgeschnitten.“
„Das ist ja alles schön und gut, stehen wir noch immer vor demselben Problem“, zeterte Chao sogleich. „Wir haben zu entscheiden, wer jetzt der neue Regent wird und sollten dem Volk etwas erzählen, sonst begreifen die am Ende noch, dass wir hier eine Farce leben.“
Tao seufzte, theatralisch die Hände zum Himmel verwerfend: „Das wissen die längst, die halten unser Tun für eine einzige große Soap zu ihrer Unterhaltung! Außerdem muss die Partei den neuen Chef bestimmen, nicht das Militär.“
„Machst du Witze?“, erzürnte sich Mao. „Die Partei hat noch nie etwas mitzureden gehabt, das sind alles seine Marionetten gewesen. Nach ihm kamen stets wir, auf uns hat er gehört, ergo obliegt es nun uns, das Volk zu führen!“
Tao erblasste; er wurde urplötzlich ganz leise. „Du meinst … zusammen? Das kann niemals gutgehen!“
„Natürlich, aber wenn wir uns weiterstreiten, verlieren wir wertvolle Zeit bis irgendwann … oh.“
„Was?“ wollte Chao sogleich wissen, folgte dem Fingerzeig des anderen auf die versammelten Journalisten sowie die laufenden Kameras.

Diesmal herrschte die Stille wesentlich länger, als die drei Generäle, die sich bis eben noch angeschrien hatten, verlegen und mit hochroten Köpfen um den in einer unnatürlichen Pose neben dem Podium liegenden Präsidenten scharten.
„Das ist gar nicht gut“, flüsterte Mao als erster und fügte dann hinzu: „Jetzt brauchen wir wirklich eine Lösung, das hat gerade die ganze Nation gesehen, live, ganz ohne Zensur.“
Alle drei waren sich ihrer Alternativlosigkeit bewusst, Chao war der erste, der ihre Lage in Worte fasste: „Wir brauchen jetzt mehr denn je einen charismatischen Anführer, der dieses Debakel herumreißen kann, bevor es zu Aufständen kommt. Einer von uns dreien sollte das übernehmen. Wir müssen dabei geeint wirken.“
„Ich denke, Alter und Erfahrung sollten die entscheidenden Faktoren dabei sein“, schlug Mao vor, was dem ältesten der Gruppe sogleich grimmige Blicke einbrachte.
„Jungend ist viel wichtiger, das Volk braucht ein frisches Gesicht, kaum eine weitere Runzellandschaft“, grummelte Tao sogleich. Das folgende verwirrte Schweigen, als Chao stumm blieb, brachte die beiden aus dem Konzept, sie starrten ihn fragend an. „Was meinst du? Welcher von uns ist am qualifiziertesten?“
„Mir egal, ihr seid beide Idioten“, entgegnete er, seine Mütze vom Leichnam aufhebend, ehe er sie bedächtig abklopfte. „Entweder ich übernehme dieses Desaster und mache etwas Brauchbares daraus oder ich setze mich in den Westen ab.“
Mao verzog die Lippen. „Verdammt, eine Pattsituation! Schnell, wir ziehen Strohhalme!“
„Einverstanden“, stimmte Tao zu. „Nur, wir haben keine Strohhalme, plus, die Meute wird ungeduldig.“
„Ich habe da eine Idee.“ Erneut wandten sich beide Chao zu, der unauffällig in Richtung des präsidialen Schnauzbartes gestikulierte. „Wir verbeugen uns alle vor ihm, um ihm die Ehre zu erweisen, reißen ein Haar aus und sehen, welcher das längste hat. Den stellen wir dem Volk als neuen Parteichef vor. Deal?“
Die Antwort erklang unisono, alle begriffen, wie notwendig es angesichts der Notlage war, zu improvisieren: „Einverstanden.“
„Auf drei?“

Der gepeinigte Aufschrei der vermeintlichen Leiche fuhr allen durch Mark und Bein, Mao taumelte gar, um letztlich auf dem Hosenboden zu landen, das Schnauzhaar noch zwischen seinen Fingern. „Au! Seid ihr wahnsinnig geworden?!“
„N … nein …wir“, stotterte Chao, unauffällig sein ausgerissenes Haar der Oberlippenpracht fallenlassend. Wir haben geglaubt, Sie seien tot, oh werter …“
„Sehe ich etwa tot aus?“, blaffte der Parteipräsident und rappelte sich, assistiert von den drei Generälen, auf. „Welcher Trottel ist dafür verantwortlich?“
„Hast du geschaut, ob er …“, begann Mao an Tao gewandt, was dieser sofort gestenreich verneinte. „Das war Chao, ganz sicher.“
„Als ob ich einen solchen Fehler machte, jeder weiß, Mao hat kaum mehr Gefühl in den Fingern, der kann nicht mal mehr den Puls eines Rhinozerosses fühlen und außerdem …“
„Halt die Fresse, du Landesverräter!“
„Kapitalistenschwein!“
Die Prügelei auf der Bühne war derart schnell ausgebrochen, dass dem verwirrten Parteipräsidenten nichts blieb, außer ungläubig seinen drei engsten Beratern zuzusehen, wie sie mit stumpfen Zierschwertern aufeinander eindroschen. Er nahm einen tiefen Atemzug, stützte sich am Podium ab und fuhr, den Tumult neben sich mit aller Mühe ignorierend fort: „Heute vor zwanzig Jahren war die Geburtsstunde unseres großen Staates, ein wahrlich denkwürdiger …“

Autorin: Sarah
Setting: Parteizentrale-Presseraum
Clues: Sandkristall, Symbiose, Hofnarr, Alternativlosigkeit, Stadtleben
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