Das perfekte Fantasy-Paar

Lady Nuary und Norwood Turek hechteten an der Heckenmauer vorbei, sie voran, er hinterher. Sie hatten ihre Verfolger abgehängt, vermutlich schon vor einigen Kilometern, aber je mehr Abstand sie zwischen sich und die Horde Wildgewordener brachten, desto besser. Im Spurt fasste er mit der Linken ihre Schulter, gleich danach mit der Rechten einen ausgedienten Fahnenmast, sodass sie beide schwungvoll um neunzig Grad herumwirbelten. Die Sonne ging gerade unter, als sie den Hintereingang erreichten, die Flügeltür aufbrachen und hinter sich verbarrikadierten. Automatisch schnellten seine Finger zum Lichtschalter, eine Gewohnheit, die man sich offenbar auch nach Jahrzehnten ohne Strom nicht abgewöhnte.
„Endlich“, keuchte sie sich den Schweiß vom Gesicht wischend. „Machst du die Blase?“ Er nickte, neigte sich zur Seite und ließ seinen Langsaxen mitsamt den Dolchen, die in derselben Halterung steckten, vom Rücken gleiten. Sehr zu Lady Nuarys Ärger ging er die Aufgabe gemächlich an, entledigte sich zuerst seiner Rüstung, bevor er die Sphären aus dem Beutel kramte und sie mittig im Atrium auf dem Mosaikboden abstellte.
„Hüter der Welt“, stimmte er mit einem gelangweilten Tonfall an, „Beschützer der Wesen und Götter der Nebel, hüllt diesen Ort in euren Mantel.“ Aus den Kugeln trat eine Purpur schimmernde Wolke aus, die Norwood Turek zum Husten brachte und sich erst im, dann um das Haupthaus herum ausbreitete und sie vor den Wildgewordenen abschirmte.
„Weißt du, Turek“, seufzte sie und legte nun ihrerseits die Waffen ab. „Es gibt Magier, die mehr Enthusiasmus zeigen, wenn sie Schutzzauber sprechen.“
„Ich mache den Mist seit vierundachtzig Äonen. Das Prickeln ist nach dem hundertsten Mal erloschen.“ Gähnend schlenderte er durch den düsteren Raum und knackte mit den Gelenken. „Übrigens bin ich kein Magier. Ich bin Krieger.“
„Krieger, Schmieger“, spottete Lady Nuary und band sich den Zopf neu. „Die Wildgewordenen waren heute echt hartnäckig.“
„Was hast du erwartet, die Unruhe hat sich bis in ihre Gefilde verbreitet.“ Er starrte sie verständnislos an, zuckte mit den Schultern und begann, ihre Rationen auf der untersten Treppenstufe auszubreiten. Es mochte ihm an Begeisterung für die Magie, allerdings nicht fürs Essen fehlen.
„Ja, schon klar. Ich meinte damit, dass wir einen harten Tag hatten.“ Ihre Schritte hallten unangenehm durch das marode Haupthaus, einst war es das Epizentrum der Rebellion gewesen, heute diente der ausgehölte Bau, dessen zweiter und dritter Stock längst eingebrochen war, lediglich als Außenposten für Reisende wie sie.
„Wir haben nur schwere Tage.“ Vorfreudig setzte sich Norwood Turek auf die Treppe ins Nichts und zupfte an der Schnur eines Bündels. „Ah, Würste!“
„Wie kannst du in so einer Lage dermaßen verfressen sein?“ Ächzend legte Lady Nuary den Kopf in den Nacken, verharrte eine Weile und gesellte sich schlussendlich doch zu ihm.
„Hab ich gerade eben gesagt: Wir haben nur schwere Tage. Was hilft es da, wenn ich mir das Essen verderben lasse?“
Murrend musste sie zustimmen, nahm sich ein Brötchen, klopfte es ab und kaute schließlich lustlos darauf herum. „Wie lange bleiben wir hier?“
„Drei, vielleicht vier Nächte“, nuschelte er zwischen zwei Bissen Wurst. „Isst du die Mohnsamen nicht?“
„Nein.“ Sie betrachtete die verstreuten, schwarzen Punkte auf dem Steinboden und rümpfte die Nase. „Ich hasse Mohn. Das Zeug kriegt man kaum aus den Zähnen.“
„M-hm“, machte er, schnappte sich eine Dose Linsen und entzündete ein Feuer auf seiner Handfläche, um die schleimige Mahlzeit aufzuwärmen.
Der Rest ihres Abendessens verlief in gewohnter Stille, weder Lady Nuary noch Norwood Turek hatten das Bedürfnis, ihre Zweisamkeit mit Geplauder zu verderben, immerhin kam es selten genug vor, dass sie sich einigermaßen verstanden.

Er leckte seinen Löffel sauber und wickelte ihn in ein Baumwolltuch, ehe er sich erhob, die Arme in die Höhe hielt und tonlos einen weiteren Spruch rezitierte: „Oh Geister der Ruhe, seid uns gnädig, schenkt uns zur späten Stunde ein wenig Behaglichkeit.“ Sogleich erschien neben dem Treppengeländer ein kleines Nachtlager, bestehend aus einer Wolldecke, einem Häufchen Stroh und einem Kuhfell. „Na super“, nörgelte Norwood Turek zur Decke hochschauend. „Wie wäre es, wenn wir ein einziges Mal zwei Betten bekommen?“
„Sei nicht so gierig, die Geister kümmern sich gut um uns“, beschwichtigte sie und knöpfte die Schnürsenkel ihrer Stiefel auf. „Leg dich einfach hin und schlaf.“
Zwar rollte er theatralisch mit den Augen, tat dann aber, wie ihm geheißen wurde. Umständlich streifte er seine anachronistisch wirkenden, dennoch äußerst praktischen Laufschuhe ab und kniete sich neben Lady Nuary aufs Fell. Während er noch überlegte, in welcher Position er sich betten sollte, damit er sich bequem und gleichzeitig möglichst weit weg von ihr ausstrecken könnte, ergriff sie die Gelegenheit, um sich einen Spaß zu erlauben.
„Wären wir die Protagonisten in einem Fantasy-Buch, würdest du mich jetzt küssen.“ Erschrocken sprang er hoch und fixierte sie, unsicher, ob er nach seiner Waffe greifen wollte. „Ja, die Szene, in der sich die ewig zankenden Charaktere aus unerfindlichen Gründen ein Bett teilen müssen und plötzlich merken, dass sie einander heiß und innig lieben.“
„Ich küsse dich nicht!“, stieß Norwood Turek aus und beim Anblick seines angewiderten Ausdrucks, verschwand der Schalk in ihrer Stimme.
„Ach ja?!“, blaffte sie beleidigt. „Und weshalb nicht? Du könntest froh sein, wenn ich mich für dich interessieren würde!“
„Du unterstützt Mazorak den Mutanten im Wahlkampf, obwohl er alleine das Aussterben der Grimbaputas zu verschulden hat, deine Körperhaltung ist eine Katastrophe und du bist nicht in der Lage, ein Schwert ordentlich zu führen, hältst nie die Klappe, schnarchst schlimmer, als ein Bimbel, vergeudest Mohnsamen, riechst wie ein Mastdarm, mal ganz zu schweigen von der lächerlich langen Phase, in der du allen ernstes gemeint hast, du seist die Auserwählte, bloß weil du blasse Haut, wässrig blaue Augen und dunkles Haar hast und …
„Jaja, schon gut“, unterbrach sie ihn genervt, stand ebenfalls auf und schubste ihn gegen die Brust. „Ich kann dich auch nicht leiden, du Magier für Arme!“
„Pff!“ Er lachte lauthals los, bevor er wütend losbrüllte: „Ich bin kein Magier!“
„Dann erklär mir, woher all die Blitze, Wolken, Funken und das Gefunkel kommt, wenn du deine Sprüchlein aufsagst?“ Siegessicher stemmte sie die Hände in die Taille und grinste ihn an. „Na?“
„Darf sich ein Krieger nicht weiterbilden?“, verteidigte er sich. „Nicht jeder will so blöd bleiben wie du.“
Kurz schwiegen sie einander an, kannten die Streitereien zu genüge und wussten, jedes weitere Wort würde die Situation zum Eskalier…
„Ich mochte dich vor der Amputation lieber!“, brach Lady Nuary den fragilen Frieden, woraufhin ihr Gefährte sich auf den nackten Sohlen umdrehte und prompt einen Plasmaball in die Eingangstür pfefferte.
„Es war keine Amputation!“, kreischte er. „Nenn es gefälligst nicht so! Mir wurde ein Kitiegel aus dem Stirnlappen extrahiert“, holte er aus und zwang sich dazu, leiser weiterzusprechen. „Mein Gehirn ist völlig intakt, du drittklassige, verstoßene, alternde, Elfenprinzessin!“
„Alternd?!“, schrie sie ihn nun endgültig vor Rage lodernd an und warf ihre Stiefel nach ihm. Indes linsten zwei Wildgewordene durch das Loch in der Flügeltür hinein, beobachteten Lady Nuary und Norwood Turek perplex, bis einer der beiden flüsterte: „Du, also die will ich nicht fressen, sind bestimmt total sauer.“

Autorin: Rahel
Setting: Haupthaus
Clues: Unruhe, Amputation, Mastdarm, Lichtschalter, Mohnsamen
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