Fan-Bonus | Die letzte Rede

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„Wir haben uns hier versammelt, um …“, begann der Präsident und kratzte sich dann nachdenklich an der Nase, ehe er zu seinem Assistenten, Sebastián, murmelte: „Wieso sind wir schon wieder hier?“
„Wir wollen die Helden im Kampf gegen den Widerstand ehren, Sir. Die gefallenen Soldaten, die gegen die Rebellion gekämpft haben“, erinnerte[passster password=“rE498-4721dsf“] ihn Sebastián und strich sich mit der Hand über seine viel zu warme Anzugjacke. Die Vorbereitungen für diese Rede waren grauenhaft und ihm wurde mit jedem Event bewusster, wie sehr das Alter am Hirn des Regenten nagte. Sein Job war eine Tortur, befand Sebastián, wenn auch die Aussichten bedeutend besser waren, wenn er Schönheitswettbewerb-Organisator beim Staatsfernsehen geblieben wäre. Nun ja, nachdem er beinahe ein Model mit einem Ohrringständer erschlagen hatte, war diese Karrierewahl eine Sackgasse geworden. Also hatte er zur Regierung gewechselt, wo es zwar weniger Schönheiten in hautengen Kleidungsstücken, dafür mehr Aussichten auf wahre Macht gab. Zwanzig Jahre hatte er gebraucht, sich zur rechten Hand des Präsidenten hochzuarbeiten, zwanzig Jahre, in denen er sich Vertrauen erschleichen und politische Gegner in dunklen Seitengassen beseitigen musste. All das hatte ihn hierhin geführt, zu diesem Moment, in diesem leeren Saal, zur Generalprobe einer weiteren langweiligen Rede. Grauenhaft! Immerhin wäre bald alles vorbei, dachte sich Sebastián und schielte auf den Aktenkoffer, der unter dem Podium stand. Erneut begann der Präsident zu sprechen, entweder, er hatte jetzt seine Notizen gefunden und übte die Rede richtig, oder er verlor gleich wieder den Faden. Sebastián hoffte auf ersteres, denn irgendwann würde er die Geduld verlieren und den alten Sack vorzeitig umbringen. Man konnte kaum einen nervtötenderen Boss haben als den langsam senil werdenden Diktator, der sich trotz seines totalitären Regimes weiter Präsident nannte. Sicher, überlegte Sebastián, das Endziel wäre sein Opfer, für den Trottel zu arbeiten, wert. Immerhin hatte er es geschafft, den Präsidenten vor mehreren Monaten zu bewegen, ihn als Nachfolger ins Testament zu setzen. Es war eine ganze Menge Überzeugungsarbeit gewesen und hätte die Partei davon gewusst, würde ihm bestenfalls Kompetenzüberschreitung vorgeworfen, schlimmstenfalls den Prozess gemacht, aber das war das Risiko wert. Und sobald das Testament öffentlich verlesen wurde, wie es Tradition war, müsste die Partei wohl oder übel spuren – den letzten Willen des Regenten vor dem Volk zu verweigern war kaum eine Option. Jetzt musste nur noch das letzte Puzzlestück seines Plans an den richtigen Ort fallen, oder genauer, die Bombe im Aktenkoffer, der neben dem Podium stand, während der Rede explodieren. Jeder gäbe den Rebellen die Schuld, erst recht bei dieser Rede, daran hegte Sebastián keine Zweifel. Versagen war keine Option, doch auch keine Möglichkeit. Zufrieden widmete der ambitionierte Assistent, der bald aus dem Schatten zu treten gedachte, seine Aufmerksamkeit wieder dem Präsidenten, der eben auf der letzten Seite seines Skripts angelangt war.

Sebastián betrat das Podium und sah zufrieden in den Saal hinunter, in dem alle Sitzplätze mit Soldaten besetzt waren. Ein Kameramann des Staatsfernsehens stand hinten im Raum um das Ableben des Präsidenten live zu übertragen. Bald schon, bald wäre es so weit, dachte er sich und bemühte sich, den selbstgefälligen Gesichtsausdruck zu verbergen, der ihn verraten könnte. Er prüfte rasch das Mikrofon, als der Präsident bereits mit seinem Gehstock angehumpelt kam. Wenigstens wäre der Trottel am Ende des Abends sprichwörtlich zerstreuter als zu Beginn, dachte sich Sebastián amüsiert. Seine Hand glitt kurz in die Hosentasche, wo er die Fernbedienung der Bombe bereithielt – alles war da, bereit für seinen Coup. Gutgelaunt wandte er sich zum Präsidenten um und begrüsste ihn. „Alles ist bereit für die Rede, Sir.“
„Danke, Sebastián.“ Der Alte trat ans Podium und kniff die Augen, geblendet vom Licht der Scheinwerfer, zusammen. Bereits als Sebastián die Bühne verließ, erklang hinter ihm die Stimme des Präsidenten: „Wir haben uns hier versammelt, um …“
Noch ehe er beim Vorhang angelangt war, hinter dem er zur Garderobe gelangte, knatterten hinter Sebastián Maschinenpistolen los, begleitet von lauten Rufen. Erschrocken warf er sich zu Boden und Panik machte sich in ihm breit. Was war geschehen? War der Widerstand tatsächlich so verrückt, eine Rede in der Hauptstadt zu stürmen und etwa …? Sebastián rappelte sich auf und huschte hinter den Vorgang, um durch einen Spalt zu linsen. Der Präsident lag in einer Blutlache, derweil tobte im Saal ein regelrechter Kampf. Rebellen machten die unbewaffneten Soldaten in Schmuckuniform nieder, die sich nicht ergaben, die meisten hatten längst ihre Hände gehoben. Alles war innert weniger als einer Minute vorbei – die Widerstandskämpfer hatten die Kontrolle über den Saal. Sebastián verfluchte sein Leben. Noch eine Nacht, dann hätte er die Macht über dieses Land gehabt. Eine Nacht! Und natürlich mussten diese Deppen genau heute einen Putsch durchführen.
Der Rebellenführer, viel zu korpulent für einen Guerillero, der sich meist im Dschungel versteckte, kletterte umständlich auf das Podium, feuerte mit seiner MP-5 ein halbes Magazin auf den Kopf des Präsidenten ab und trat dann ans Mikrofon. Nun musste Sebastián sich schnell entscheiden: Sollte er sich den Rebellen anschließen und sie überzeugen, dass er auf ihrer Seite war? Mit der Bombe als Beweis schien ihm die Strategie nicht schlecht. Andererseits wimmelte das Land nur so von Soldaten und ob sich die Guerillas langfristig halten konnten, war mehr als nur ein bisschen fraglich. „Verfluchtes Scheißland“, brummte Sebastián, den Auslöser für die Bombe umklammernd.
„Sie da, Sie vom Fernsehen“, blaffte der Anführer. „Sind wir live?“
Der Kameramann des staatlichen TV-Senders, der hinten im Saal stand, nickte stumm, offenbar zu eingeschüchtert, um zu sprechen.
„Gut.“ Der Rebellenführer räusperte sich und begann: „Wir haben uns hier versammelt, um …“
Nein, verdammt nochmal, nein! Sebastián war nicht bereit, sich heute noch eine langweilige Rede von irgendeinem aufgeblasenen Trottel anzuhören, genug war genug! Entschlossen drückte er auf den Auslöser.

Autorin: Sarah
Setting: Saal
Clues: Schönheitswettbewerb, Kompetenzüberschreitung, Versagen, Ohrringständer, Gesichtsausdruck
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