Siegel hinter Schloss und Riegel

Simon Siegel war unser Nachbar, als ich ein Kind war. Er lebte gute zweihundert Meter entfernt auf dem alten Bächler-Grundstück und hatte sich dort ein Reich erschaffen, das mich mittlerweile bizarr anmutet. Damals, als Junge, der quasi direkt neben dem exzentrischen Mann aufwuchs, schien mir das alles völlig normal. Vermutlich gehört das zum Erwachsenwerden dazu, wie das Entdecken neuer Vorlieben. Mischsalat ist ein gutes Beispiel dafür, den fand bis zu meinem achtundzwanzigsten Lebensjahr schauerlich ekelhaft, bis es mich plötzlich nach Grünzeug mit Kühlschrankresten und Dressing gelüstete. So war es mir auch mit Simon Siegel ergangen, eines schönen Tages war ich, längst weg vom elterlichen Heim, aufgewacht und mir fiel aus heiterem Himmel ein, was für ein seltsamer Zeitgenosse mein früherer Nachbar eigentlich war. Daher verblüffte mich die Aussage meines Vaters, der Sonderling habe endgültig den Verstand verloren, nicht, ich wunderte mich bloß, wie er seine gut bekannten Eskapaden übertreffen könnte. Wahrscheinlich ist es wichtig zu erwähnen, dass kaum einer im Dorf Simon Siegel je zu Gesicht bekam, jedenfalls nicht seine volle Erscheinung. Nein, bestenfalls gelang es den vorwitzigsten unter den Schulkindern und einigen besonders hartnäckigen Tratschtanten, einen Teilblick auf ihn zu erhaschen. Stets durch den knapp fünf Meter hohen, äußerst obskuren Zaun, dem sein Beiname, Siegel hinter Schloss und Riegel, geschuldet war. Ja, der Zaun war und bleibt bis heute eine Attraktion, die hier und da Leute aus den angrenzenden Gegenden anzulocken vermag. Nun gut, wir sprechen mitnichten über Touristenschwärme, doch wenn jemand zu uns in die Ebene fährt, um im, für die Region großen, Supermarkt einzukaufen, kommt es durchaus vor, dass er auf der Heimfahrt einen kleinen Umweg macht, damit er Simon Siegels Zaun besichtigen kann. Das Gebilde zu beschreiben ist schwierig und nur mit langweiligen Bemessungen oder verwirrenden Vergleichen zu schaffen. Lange wurde diskutiert, aus welchem Material das Gerüst gefertigt wurde. Die üblichen Baustoffe kamen nicht in Frage, weder Holz, Maschendraht noch Gusseisen ließen sich für diese Konstruktion gebrauchen. Neben seiner beachtlichen Höhe imponiert der Zaun mit einer Feinheit, einer, wie soll ich sagen, filigranen Stärke, die ich bestenfalls von Seidenpapier kenne und das, ohne transparent zu sein. Im Gegenteil, Simon Siegels Zaun ist von außen ein undurchlässiges schwarzes Loch, das nicht einen einzigen Sonnenstrahl reflektiert, egal, wie erbarmungslos dieser Stern auf unsere Gemeinde scheint. Er verläuft in vier akkuraten rechten Winkeln einmal um das alte Bächler-Grundstück herum und steht auf einer, selbst für uns in der Ebene, ungewöhnlich nivellierten Fläche. Trotz seiner papierdünnen Eigenschaft wirkt der Zaun stabil, beinahe massiv, und hält jede Erschütterung aus, die die Natur ihm entgegensetzt. Der Zaunbesitzer ist in dieser Hinsicht seiner kuriosen Einzäunung sehr ähnlich, denn obschon es derzeit vielen schlecht geht, die Finanzkrise wie eine Naturgewalt über unser Dorf hereinbricht, fehlt es ihm augenscheinlich an nichts. Zumindest sieht man regelmäßig Lieferanten in unbeschrifteten Transportern, die vor dem Zaun parken und riesige, quadratische Kisten abladen. Was sich darin befindet, wie und wann Simon Siegel diese monströsen Pakete abholt, ja, wo es überhaupt ein Tor in seinem Zaun gibt, ist unklar. Da keine Menschenseele ahnt, womit der Mann seine Brötchen verdient, hat man sich in Anbetracht seines ausgefallenen Zauns stillschweigend darauf geeinigt, er müsse wohl ein Künstler sein, eine gängige Antwort auf derartige Geheimnisse. Es gab da mal einen, der hatte einen haushohen Legostein aus Styropor gebastelt, ihn grün gestrichen und für viereinhalb Millionen an einen Berufssohn aus Übersee verkauft. So eine Tätigkeit stelle ich mir für meinen ehemaligen Nachbarn vor. Wer weiß, was hinter diesem Zaun vor sich geht, Legosteine sind absolut denkbar. Die Oberfläche des Zauns fühlt sich an wie Karton und ist immer einige Grad wärmer oder kälter als die Umgebungstemperatur. Fegt der Winter durch die Ebene, glüht der Zaun angenehm warm, brütet der Sommer, verschafft er zuverlässig Abkühlung. Sein mit Abstand auffälligstes Merkmal sind aber die unzähligen, exakt zweiundvierzig Millimeter auseinanderliegenden Schlitze, die dicht über der Grasnarbe beginnen und bis ganz oben reichen. In der Mitte der Zaunlänge beträgt ihre Breite jeweils acht Millimeter und je näher man an die Ecken geht, desto schmaler werden sie, wobei man das Gefühl hat, die Öffnungen blieben identisch, derart graduell verläuft die Veränderung zu den Rändern hin. Im Gymnasium hatte ich tatsächlich einen dieser Aha-Momente, als ich im Interferenzmuster eines Doppelspaltexperiments Simon Siegels Zaun wiedererkannte. Seither hege ich den Verdacht, der komische Kauz sei in Wahrheit kein Künstler, sondern ein verrückter Wissenschaftler, der hinter seinem Zaun versucht, Tore zu anderen Dimensionen zu öffnen. Dummerweise endete meine Physik-Bildung mit dem letzten Tag am Gymnasium, mein Verständnis von Quantenphysik und der Stringtheorie reicht auf keinen Fall über das Muster im Zaun hinaus. Was ich allerdings verstehe, in und auswendig kenne wie mein Raspberry Pi, ist die ungebändigte Neugier der Menschen. Die Aufregung meines Vaters über Simon Siegels neuestes Bauvorhaben, erstaunte mich also nicht, schließlich bedeutete das Dach über dem Zaun, dass es in Zukunft noch unmöglicher wurde, hinter die Fassade zu schmulen. Mein Vater ist, soweit ich das beurteilen kann, ziemlich das Gegenteil seines Nachbarn, statt geradlinig und verschlossen wie ein schwarzer Würfel, gleicht er seinem geliebten Hoyatopf, der seit eh und je im Wohnzimmer hing und aus dem das knorrige Gewächs in alle Winkel wucherte. Für meinen Vater ist es schlicht unerträglich, wenn er seine Fühler nicht in alle Ritzen stecken kann. Und Simon Siegels Anwesen, ja, sein gesamtes Dasein, ist in der Tat eine gänzlich mysteriöse Ritze. Bereits als ich noch ein Junge war, rankten sich unzählige Sagen um den Zaun und den Mann dahinter. Der Wind solle eine Melodie spielen, sofern er aus der richtigen Richtung auf die Schlitze träfe, wurde von einigen behauptet. Ich halte das für blanken Unfug. In den sechzehn Jahren, die ich wenige hundert Meter neben dem Zaun verbracht hatte, hörte ich kein einziges Mal eine Tonfolge, die man als etwas anderes als nervtötend unzusammenhängendes Pfeifen hätte benennen können, und das obwohl der Wind selbstverständlich täglich durch die Ebene braust. Um den schrillen Krach zu hören, muss man nahe an den Zaun herangehen und dort, ich gebe es bereitwillig zu, habe auch ich schon des Öfteren durch den breitesten Spalt in der Zaunmitte gelinst. Ich bin nicht alleine, es wurde oft davon berichtet, was sich hinter dem Zaun ausmachen lässt und je mehr ich darüber nachdenke, umso unerklärlicher wird es. Das alte Bächler-Grundstück ist beinahe leergefegt von allem, was die reale Welt ausmacht. Kein Grashalm, kein Stein, kein Tier und kein Schatten verirrt sich darauf. Der Zaun ist von innen nicht zu erkennen, er verschmilzt mit dem Himmel in einem unnatürlichen Weiß. Lediglich ein Haus, wenn man es so nennen will, steht im Zentrum auf weißem Grund, dessen Horizont mit einer schwarzen, scheinbar mit dem Lineal gezogenen, Linie angezeigt wird. Solche Linien sind es auch, die das Haus umrahmen, ihm in der immerfort grell beleuchteten Umgebung als einziges Form verleihen. Das Bild ist überall identisch, ob man nun im Norden, Osten, Süden oder Westen steht und durch den mittleren Schlitz schielt. Es ist, als betrachtete man eine Zeichnung, erstellt von einem mechanischen Kind, oder, ich wage es kaum, es auszusprechen, als sähe man direkt in eine andere, die zweite Dimension.

Autorin: Rahel
Setting: Ebene
Clues: Karton, Legostein, Hoyatopf, Mischsalat, Raspberry Pi
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