Krieg der Sternchen

Lisa war normalerweise ganz nett. Heute traf „normalerweise“ nicht zu, denn heute galt es, finstere Plane zu schmieden. Sie stand in der Mitte ihres Kinderzimmers, fixierte den Teppich und atmete einige Male ein und aus, bis sie ihre Miene genügend im Griff hatte, um den entschlossenen Ausdruck eines Sith Lords hinzubekommen. Nicht, dass sie jemand gesehen hätte, Lisas Tür war verschlossen und sie allein. Für düstere Machenschaften benötigte man Privatsphäre, der Todesstern wurde auch nicht mit einer Marketingkampagne beworben. Mit der Eleganz einer, die im Umgang mit zwei Lichtschwertern geübt war, schritt sie zu Kommandokonsole, wie sie ihren Schreibtisch insgeheim nannte, und setzte sich hin. Bernd war fällig! Obschon sie die Zankereien mit ihrem kleinen Bruder meist mit der stoischen Gelassenheit einer Jedi wegsteckte, diesmal war er zu weit gegangen, um auf Gnade zu hoffen. Niemand, wirklich niemand, machte ihren Lego-Sternzerstörer der Venator-Klasse kaputt, ohne einen Klonkrieg heraufzubeschwören, soviel war klar! Zwar konnte sie keine Armee klonen (dafür fehlte ihr die Erfahrung, Infrastruktur und ein Wasserplanet, der weitab aller gängigen Hyperraumrouten lag), aber an derartigen Kleinigkeiten sollte ihre Revanche nicht scheitern. Selbstverständlich behauptete Lisas Mama, sie hätte sich bald zu viel Hüftgold angefressen, um je ein Jedi zu werden. Ein Witz, zumal die Gute selbst wie der Senator von Ryloth aussah. Vergeltung war nicht der Weg der Jedi, daher war Lisa heute sowieso keine Jedi. Sie zog die Kapuze ihres Sweaters tief ins Gesicht und schnappte sich einen Stuhl, ehe sie es sich am Tisch bequem machte.
„Begonnen, der Racheplan hat“, flüsterte sie mit der besten Imitation von Yodas Stimme, die sie hinbekam und unterdrückte ein dummes Kichern. Lisa war eindeutig die Tochter ihres Vaters, ein Vollblut-Star-Wars-Fan, seit sie klein gewesen war (tja, einige würden argumentieren, sie sei noch immer klein, das interessierte sie hingegen herzhaft wenig, Jedi-Padawans marschierten auch lange bevor sie volljährig waren in die Schlacht). Bernd dagegen teilte Papas Begeisterung kaum, was Lisa ihm ein wenig übelnahm. Obwohl er lediglich anderthalb Jahre jünger als sie war, war seine Bestleistung dieser Woche, die Reime „Ein Klafter After“ und „Popel gibt’s im Doppel“ zu erfinden und vorzusingen. Er war also bei weitem nicht unterhaltsam genug, um mit seiner Unachtsamkeit, nein, Rücksichtlosigkeit davonzukommen. Natürlich, ihr Sternzerstörer befand sich mittlerweile im Dock und wurde repariert (das war das gute an Legos), das dauerte allerdings eine gefühlte Ewigkeit. Ginge es nach ihr, verbrächte der kleine Rotzbengel einen Tag in der Kühlkammer im Restaurant ihrer Eltern, eine milde Strafe verglichen damit, als Bergbauarbeiter in die Gewürzminen von Kessel gesandt zu werden.
Da saß Lisa nun am Tisch, die Kapuze über den Augen, und grübelte, wie sie sich am besten rächte. Entnervt stöhnend starrte sie zur Decke, das war schwerer als gedacht. Bernd war noch zu jung, um Subtilität zu verstehen (oder mit Lego-Sternzerstörern zu spielen) und auch nicht wesentlich klüger oder nützlicher als ein B1-Kampfdroide der Separatisten. Da mussten härtere Mittel her! Sprengstoff wäre ideal, die Beschaffung leider beinahe unmöglich, ohne dass die Eltern Wind davon bekamen. Und wahrscheinlich war es ein wenig übertrieben, ihn gleich umzubringen, schließlich war er ihr Bruder. Trotzdem käme sie keinesfalls ohne Bomben aus. Das war es – der Gedanke an Bomben brachte sie auf einen Einfall, der diesen Krieg zu ihren Gunsten entscheiden sollte. Vorfreudig sprang sie auf, vergaß den Pathos und rannte zum Kleiderschrank, wo sie in ihrer Krimskrams-Schublade Geschenkpapier und die Tischbombe für Silvester aufbewahrte und breitete alles auf dem Tisch aus.

Mit einem zufriedenen Grinsen schob Lisa die Tür zu Bernds Zimmer zu. Sie war sich sicher, er könnte dem Köder nicht widerstehen, wenn er aus dem Garten zurückkam. Die Tischbombe stand auf seinem Nachttisch, sogar ein Feuerzeug hatte sie aus dem Küchenschrank mit den Kerzen geholt und danebengelegt. Lisa betrat wieder ihr Kinderzimmer, schlenderte gutgelaunt zum Bett, setzte sich, starrte ihre Plüsch-Ahsoka eindringlich an und murmelte: „Hast du jemals die Tragödie von Darth Bernd dem Trottel gehört? Nein? Das dachte ich mir. Es ist nicht die Art Geschichte, die meine Eltern erzählen würden.“ Sie streckte sich auf der Matratze aus und wartete mit der Anspannung, die alle Rebellen vor der Explosion des Todessterns verspürt haben mussten. Eigentlich könnte sie jetzt ihren Sternzerstörer zusammenbauen, überlegte sie, wollte aber lieber diesen Moment voll auskosten.
Nach über einer halben Stunde donnerten Bernds Schritte auf dem Gang und er trampelte in sein Zimmer. Gleich, gleich war es so weit. Tatsächlich hörte sie nach kurzem das Ploppen der explodierenden Tischbombe, gefolgt von Bernds entsetztem Schrei (der leider nicht mal annähernd wie ein Willhelmschrei tönte), als er begriff, was ihm widerfuhr. Lisa stellte sich vor, wie Bernd inmitten all der Sternchen saß, die zweifelsohne auf ihm, seinem Bett und in seinem ganzen Zimmer verteilt herumlagen. Wenn man seinen separatistischen Bruder schon nicht in die Luft sprengen und eins mit der der kosmischen Macht werden lassen konnte, war eine Glitzerbombe die beste Alternative. Diesen Krieg der Glitzer-Sterne hatte Lisa gewonnen und sie genoss es, ausnahmsweise auf der dunklen Seite zu stehen. Ein kleines Stück von ihr fragte sich, ob ihre Eltern es herausfinden und sie zur Strafe zum Putzen zwingen würden. Vorerst entschloss sie sich, es wie der Jedi-Orden der Republik zu handhaben: So lange man nichts von Order 66 wusste, konzentrierte man sich auf den Kampf, den man gerade ausfocht. Also erhob sie sich mit einem wohligen Seufzen, um endlich ihren Sternzerstörer zu reparieren.

Autorin: Sarah
Setting: Kinderzimmer
Clues: Eleganz, Glitzerbombe, Hüftgold, After, Kühlkammer
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