Tabula Rasa

Jason streckte seine Arme und ließ die Gelenke laut knacken, links und rechts, schön nacheinander, denn alles musste seine Ordnung haben. Minutiöse Planung was das Einzige, was ihn von dem dunklen Abgrund trennte, der ihn zu verschlingen drohte, Struktur und Ordnung. Sein Stuhl knarrte und er erhob sich mit einem Seufzen. Genau drei Runden schritt er mit der stoischen Gelassenheit eines Strafgefangenen um den maßiven Eichenholzsekretär und musterte dabei das Jagdhorn, das an der Wand hing, da wo er es nach seinem letzten Jagdausflug vor zwanzig Jahren hingehängt hatte. Wieder setzte er sich, ignorierte die Schmerzen im Rücken geflissentlich, wer seinem Schmerz freien Lauf ließ, war ein Versager, ein wertloses Stück. Ohne Fleiß kein Preis, wie sein Opa stets zu sagen pflegte, damals, vor langer Zeit. Jason hatte keine Kinder, keine Enkelkinder, zumindest nicht mehr, diese waren vor langem gestorben, an jenem schicksalshaften Maitag, der mit wunderbarem Vogelgezwitscher begonnen hatte. Damals …

Mit einem müden Stöhnen widmete sich Jason erneut seiner Arbeit. Hier, am Schreibtisch, existierte seine heile Welt, sein Ort im Raumzeitkontinuum, an dem Friede herrschte, die Leere da draußen nicht omnipräsent, die Erde nicht zerstört. Stille. Nur das stete Klackern der Tasten trennte den bekannten Autor von seinem neuesten Werk, Band Siebzehn der „Astronautengötter“. Was für ein kitschiger, plakativer Name seine Verleger ihm doch für sein Werk aufgedrängt hatten! Solche Vollidioten gab es zur Genüge – na, wenigstens waren sie mittlerweile alle zu Staub zerfallen, bloß Jason war da, um sein allerletztes Buch fertigzustellen. Siebzehn Bände, mehr sollte seine Science-Fiction-Reihe nicht umfassen, keine einzige Seite mehr. Das hatte Jason bereits damals gewusst, bei dem ersten Schmöker, der schon stolze 1500 Seiten umfasste. Noch eine Seite, Jason konnte das Ende bereits seit einer Woche fühlen, es war ihm klar, dass er heute fertig wurde. Jahre hatte er mit seinen Protagonisten durchlebt, bei seinen kurzen Märschen um den Schreibtisch kaum wahrgenommen, ob die Blätter fielen oder sprossen, Schnee oder hohes Gras den verwilderten Garten bedeckte. Wieso er weiterhin schrieb, konnte er beim besten Willen nicht mehr sagen, denn soweit er wusste, war die Welt menschenleer. Niemand würde jemals einen der unveröffentlichten zehn Bände der „Astronautengötter“ lektorieren, drucken, geschweige denn lesen. Die vermodernden Skelette seiner Fans lagen überall, in den von der Natur zurückeroberten Straßen, am Waldrand, in den zerfallenden Häusern … Vielleicht hatte irgendwo einer sein Ende gefunden, während er tatsächlich in das Buch vertieft gewesen war. Bei dem Gedanken gab Jason ein demotiviertes Glucksen von sich, widmete sich aber sogleich wieder seiner epischen Aufgabe. Zwei Sätze noch. Seine Welt war ebenfalls zerstört, in Trümmern, alle Charaktere, die ihn über tausende Seiten begleitet hatten, tot. Wie die Götter der Griechen musste auch dieses außerirdische Volk sein gewaltsames Ende finden, ausgelöscht durch ihre eigene Überheblichkeit. Jason lehnte sich zurück, nahm einen großen Schluck aus dem Whiskyglas. Die vier Buchstaben zu tippen kostete ihn kaum Überwindung, mit Leichtigkeit glitten seine Finger über die Tastatur, trafen das abgewetzte E, dann das N, das D und nochmals das E. Es war soweit, ein wohliges Schaudern durchlief ihn, elektrisierte ihn und verlieh ihm das Gefühl, dass sich sogar die Härchen seiner Beinbehaarung aufstellten.

Die Luft vor den Fenstern war so sauber, wie sie es nur nach einem langen Regenguss sein konnte. Der Himmel leuchtend blau, kleine Kumuluswolken zogen in der Ferne vorbei, eine malerische Szene. Ebenfalls so ein vermaledeiter, friedvoller Maitag. Irgendwo da draußen gab es eine dunkle, teilweise eingestürzte Straßenunterführung, in der Wasser von der moosigen Decke tropfte und an deren Boden sich um einen Greyhound-Bus ein See gebildet hatte. Die Leichen lagen auf den Sitzen, waren im Laufe der Jahre skelettiert und mit den Farnen verwachsen, die im Licht, das durch ein eingesacktes Deckensegment fiel, gediehen. Eine pittoreske letzte Ruhestätte für seine Familie, die an jenem schicksalshaften Maitag von einer Reise zu Bekannten heimgekehrt war. Jedes Jahr besuchte er ihr Grab, immer am Jahrestag der Katastrophe – heute wäre es wieder so weit. Bloß eine Deadline seines Verlegers hatte Jason davor bewahrt, ebenfalls dem Verderben anheimzufallen, von dem sein Haus wie durch ein Wunder verschont geblieben war. Als wohl einer der letzten Menschen auf der Erde seit mehr als sieben Jahren hatte Jason sein allerletztes Ziel erreicht. Die Saga, welche niemals einen Leser finden würde, war zu Ende geschrieben und der Einsiedler würde nicht länger dagegen ankämpfen, dem Wahnsinn zu verfallen. Wieso sollte er sich noch die Mühe machen, sich weiter durchzubringen? Zur Erhaltung der Spezies gab es schließlich nichts mehr beizutragen, endlich konnte er sich erlauben, die Schläfrigkeit siegen zu lassen, welche ihn je länger desto mehr plagte.
Nachdenklich packte der Autor seinen Rucksack, wobei ihm die fertig auf dem Tisch liegenden Manuskriptseiten auffielen. Ein zufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen, die Arbeit war getan, gerade rechtzeitig zur Deadline.

Als Jason auf die Veranda des einst weißen Vorstadthauses trat, konnte er die laue Frühlingsbrise auf dem Gesicht spüren. Seinen Colt .45 in der Rechten, eine Zigarette von dem Päckchen, das er auf einer seiner Versorgungstouren entdeckt hatte im Mundwinkel, schlenderte er in der Frühlingstag hinaus. Bis heute hatte er nicht herausgefunden, wieso alle Menschen eines schönen Tages tot umgefallen waren und er noch lebte; es interessierte ihn auch nicht mehr. Die Welt war ruhig, friedlich, einzig von Vogelgezwitscher erfüllt. Jason zog den Hut vor dem neben einem zusammengesackten Liegestuhl ausgebreiteten Skelett und grüßte: „Ein schöner Frühlingsabend, nicht wahr, Nachbar?“ Sein Weg führte ihn durch die zugewucherten Straßen, zum Grab seiner Familie auf der Freeway-Zufahrt. Heute durfte er endlich an diesem, aus seiner Sicht idyllischen, Ort bleiben, ohne zurückzukehren in das leere Haus, in dem eine monolithische Aufgabe auf ihn wartete. Endlich war er am Ende.

„Sag mal“, fragte Athena, als sie sich auf dem eleganten Bürostuhl niederließ und mit überschlagenen Beinen am Schreibtisch saß, „findest du auch, dass dieses Haus besser in Schuss ist als die meisten anderen?“
Damons Antwort erklang gedämpft aus der Küche. „Hat was.“ Kurz nur herrschte Stille, dann tauchte sein Antlitz im Durchgang auf und wurde von einem Blitzschlag des Gewitters erhellt, das die beiden Reisenden veranlasst hatte, Unterschlupf zu suchen. Beinahe ängstlich fragte er leise: „Meinst du, dass jemand hier lebt?“
Athena, die ihre kleine Campingleuchte entfache, zuckte mit den Schultern. „Man findet auch heute noch hier und da ja Leute, die sich isoliert durchgeschlagen haben, kann also gut sein.“ Vorsichtig zog sie den Papierstapel zu sich, der im kalten Licht eine gut sichtbare Spur im Staub hinterließ. „Heilige Scheiße!“
„Was ist denn?“, wollte Damon alarmiert wissen. Seine Weggefährtin deutete auf den Namen, welcher in Kapitälchen auf der ersten Skriptseite prangte. „Das ist Jasons Haus.“
Er legte die Stirn in Falten, ließ sich jedoch nicht davon abhalten, einen Biss von seinem Energieriegel zu nehmen. „Jason?“
„Du weißt schon, der Science-Fiction-Schriftsteller, von dem ich dir mal erzählt habe.“
„Ach ja, stimmt. Ich vergesse ständig, dass du in einem früheren Leben Verlegerin warst.“ Nun hatte sie sein Interesse geweckt und er linste auf die Blätter vor ihr. „Ist das …?“
Athena nickte. „Ich fasse es nicht! Er hat tatsächlich die verdammte Saga zu Ende geschrieben!“
„Und wo ist er jetzt?“, fragte Damon, während er die Verpackung seines Riegels achtlos auf den Boden warf.
„Keine Ahnung, vermutlich hat er sich irgendeiner Gruppe Überlebender angeschlossen, es gibt ja relativ viele Leute in den sicheren Camps. Aber ich nehme das Manuskript auf jeden Fall mit, immerhin haben wir in unserer Siedlung eine alte Kopiermaschine.“
„Großartig, die Jägerin wird wieder zur Verlegerin“, gab Damon trocken zurück. „Na gut, wenn wir uns so etwas leisten können, ist das ein Zeichen, dass wir es schaffen werden, unsere Gesellschaft neu aufzubauen.“

Autorin: Sarah
Setting: Am Schreibtisch
Clues: Astronautengötter, Beinbehaarung, Schläfrigkeit, Jagdhorn, Nachbar
Für einen der Clues zu dieser Story bedanken wir uns bei Julius. Wir hoffen, die heutige Geschichte hat euch gefallen. Teilt sie doch mit euren Freunden auf den Social Media und schaut bei der Gelegenheit auf unseren Profilen vorbei, wo wir euch gerne mit mehr literarischer Unterhaltung begrüßen. Eine besondere Freude macht uns eure Unterstützung auf Patreon, die wir euch mit exklusiven Inhalten verdanken. Und wenn ihr möchtet, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit Clues vorschlagen.

Deinen Senf dazu abgeben!