Special zu Sarahs dreihundertster Story | Finch ist nicht perfekt

Seit bald neun Jahren war Ian Finch bei der Firma tätig, hatte sich vom austauschbaren Börsenmakler zu einem der Stars des Hauses hochgearbeitet. Wäre er ein normaler Mensch, der nette Mann von nebenan, könnte er stolz auf seinen und den Erfolg der Firma sein, darauf, seinen Kunden allein im letzten Quartal eine Milliarde Dollar eingebracht zu haben. Doch Ian war außergewöhnlich in jeder Hinsicht und daher war es anders gekommen. Als er in seiner Jugend begriff, wie gerne er Perfektion hatte, hatte er alles in seinem Leben darauf ausgelegt, seine ganze Existenz der Perfektion gewidmet. Er war der Jahrgangsbeste in Harvard, der risikobereiteste Mitarbeiter mit den höchsten Gewinnen, kurz: Er machte keine halben Sachen (außer natürlich, man zählte den Versuch, das eklige Thunfischsandwich aufzuessen). Und dann stand Ian vor zwei Wochen kurz vor dem Aus. Knapp hatte er sich nicht verspekuliert und die Firma, auf die er gesetzt hatte, war fast mit Ach und Krach untergegangen, die erwartete Übernahme fand erst in letzter Sekunde statt. Ian wusste, der Moment war gekommen, er wollte mit vierzig vorzeitig in Rente gehen. Mit den dreihundert Millionen Dollar, die er binnen der letzten Wochen klammheimlich aus der Buchhaltung getilgt hatte, könnte er es sich gutgehen lassen niemand käme ihm auf die Schliche. Es ging ihm dabei nicht etwa um das Geld, nein, das Einzige, was zählte, war Perfektion und Ian würde alles daransetzen, perfekt zu bleiben. Und wenn er nicht mehr der perfekte Makler sein könnte, dann wollte er der perfekte Dieb sein, keine Ausrutscher, keine Nachlässigkeiten. Heute Abend würde er seinen großzügigen Notgroschen auf die Cayman Islands überweisen, während die anderen Buchhalter auf einer Party zum dreihundertsten Jubiläum der Firma wären. „Wenn man schon abtritt, dann richtig“, murmelte Ian und marschierte durch den Flur zum Aufzug, der ihn zu seinem Stock hochbrachte.

Gerade als Ian das Großraumbüro durchquerte, kam sein Chef angerannt und rief: „Mister Finch!“
„Ja, Mister Carter?“
„Kommen Sie bitte mit in mein Büro, ja? Ich muss Sie unbedingt sprechen.“
Ian ging seinem Vorgesetzten hinterher und grübelte, was den anderen so aufregte. Er hatte er den CFO nie dermaßen nervös erlebt. Ein kleiner Teil von ihm fragte sich, ob ihm wohl ein Fauxpas unterlaufen, Carter ihm auf der Spur war. Kopfschüttelnd verwarf er den Gedanken, es war zweifelsohne unmöglich, immerhin hatte er alles bis ins kleinste Detail geplant. Selbstsicher folgte er seinem Boss in dessen Büro und machte es sich ihm gegenüber bequem. Gespannt, was der Alte an Ians inoffiziell letztem Arbeitstag von ihm wollte, erkundige er sich: „Und, Mister Carter, worum geht es?“
Carter gab ein Seufzen von sich, als er auf seinen Ledersessel plumpste. „Finch, wir haben ein Problem.“ Er pausierte und musterte seinen Angestellten abwartend. „Jemand hat dreihundert Millionen Dollar unterschlagen. Der Betrag taucht in der Buchhaltung nicht auf, selbstverständlich habe ich die Konten geprüft und sonst fehlt nichts. Irgendetwas Finsteres ist im Gange.“
„Dreihundert Millionen …?“ Ian bemühte sich, entsetzt zu wirken, was ihm in Anbetracht der Tatsache, wie überrascht er über die Findigkeit des alten Carter war, leichtfiel. Hatte er wirklich so nachgelassen, dass sogar der wesentlich weniger helle CFO ihn überführen konnte? Das durfte nicht wahr sein, niemals!
„Ja, Finch, dreihundert Millionen. Ich war genauso erstaunt wie Sie, dahinter muss ein Genie stecken, ich habe es rein zufällig herausgefunden. Und da Sie ja einer unserer besten Köpfe sind, möchte ich Sie darauf ansetzen. Ermitteln Sie den Täter.“
Na also, da war sein Lichtblick, dachte sich Ian triumphierend und erleichtert, beinahe atmete er laut auf. „Klar, ich kümmere mich darum. Geben Sie mir was Sie haben und ich finde den Drecksack.“
Carter gluckste laut: „‚Drecksack‘? Sie hören sich an wie ein Cop aus einem Hollywood-B-Movie, mein Lieber. Bleiben Sie dran und ich schlage Sie nächstes Jahr für meinen Posten vor, wenn ich in den Ruhestand gehe – egal was sie tun, ich habe Sie noch nie einen Fehler machen sehen.“ Carter hielt inne, kratzte sich an der Schläfe und meinte schließlich: „Gut, gut, Finch. Ich maile Ihnen nachher alles runter, nehmen Sie sich Zeit. Man sieht sich heute Abend bei der Dreihundertjahrfeier im Bristol.“ Ian verabschiedete sich mit einigen Scherzen sowie weiteren Beteuerungen, seine ganze Energie auf die Jagd nach dem Unhold zu konzentrieren und schlenderte betont gelassen in sein Büro.

Nach wenigen Schritten begann er fieberhaft zu überlegen, was er tun sollte. Er hatte sich zur Ruhe setzen wollen, bevor er seine Fähigkeiten verlor und nun drohte sein Ruf als perfekter Makler und seine Intention, ein ebenso perfekter Verbrecher zu werden, den Bach hinunterzuschwimmen. Das konnte er nicht zulassen! Der Verdacht fiele sofort auf ihn, wenn er mit dem Geld verschwand. Entweder er blieb, gab seine ergaunerte Rentenversicherung zurück oder er wäre für den Rest seines Lebens ein gesuchter Dieb. Beide Optionen klangen inakzeptabel, in seinen Augen eine reine Peinlichkeit. Ian war in die Aufzugskabine getreten, erst da erkannte er die lächerlich simple Lösung seines Problems: Er ließ als Börsenmakler zwar nach und die Chance auf eine Karriere als Wirtschaftsverbrecher zerfiel zu Staub, aber auf dem Posten des CFO läge eine glänzende, ja, mochte er es sagen, eine perfekte Karriere vor ihm. Er musste Carter nur geben, was dieser verlangte und anschließend auf seinen Posten nachrücken. Dann säße er bald selbst auf dem Thron des Imperiums.
Als die Türen zu seinem Stockwerk aufglitten, hatte Ian einen Entschluss gefasst: Er würde nicht verreisen, sondern sich befördern lassen, die Gelegenheit war einfach zu perfekt. Jetzt musste bloß ein Sündenbock her und auch dafür hatte er bereits eine makellose Lösung: Joss aus der Buchhaltung, mit dem er sowieso ein Hühnchen zu rupfen hatte (der Trottel hatte ihm mal ein Muffin aus dem Pausenkühlschrank stibitzt). Mit einem hämischen Lachen, das einzig die dreihundert Mitarbeiter im Großraumbüro hörten, setzte Ian sich an den Computer, um eine wahrhaftig perfekte Dokumentenfälschung zu erstellen. Das würde das beste Jubiläum in der Geschichte der Firma, es läutete eine neue, seine, Ära ein und die würde, wie er selbst, perfekt.

Autorin: Sarah
Themenvorgabe: Dreihundert
Wir hoffen, die heutige Geschichte hat euch gefallen. Teilt sie doch mit euren Freunden auf den Social Media und schaut bei der Gelegenheit auf unseren Profilen vorbei, wo wir euch gerne mit mehr literarischer Unterhaltung begrüßen. Eine besondere Freude macht uns eure Unterstützung auf Steady oder Patreon, die wir euch mit exklusiven Inhalten verdanken. Und wenn ihr möchtet, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit Clues vorschlagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.