Valentinstag-Special | Zwei Frauen, eine Tasse

„Hey Victoria, hübsch siehst du aus“, kommentierte Cloe, als sie die Büroküche betrat und sich an ihr vorbei zum Kühlschrank schlängelte.
„Ach was. Ich sehe aus wie ein Penner“, wiegelte sie ab, obschon sie ihre Routine natürlich auch heute durchgezogen hatte. Ihre Frisur nahm jeden Morgen zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten in Anspruch, bis das Make-Up saß, hatte sie vier Tassen Kaffee getrunken und ihre Kleidung suchte sie sich jeweils am Abend davor heraus, was oft in Tränen endete. Ihr sorgfältig kuriertes Äußeres war ihre Ritterrüstung, ihre Verteidigung gegen die Welt, und ja, sie wünschte sich damit positive Beachtung zu erfahren. Trotzdem wurde Victoria von den meisten übersehen, kaum einer drehte sich nach der Achtunddreißigjährigen um, geschweige denn zeigte echtes Interesse an ihr. Mit Ausnahme von Cloe. Ja, Cloe war anders, die erste Person seit langem, die ihr Aufmerksamkeit und Liebe schenkte. Victoria konnte ihr Glück noch immer nicht fassen, so kitschig es klang, sie glaubte, das Universum hatte ihre Liebste extra für sie in das Bürogebäude am Stadtrand geführt.
„Blödsinn.“ Die jüngere Assistentin lachte, ein helles, warmes Geräusch, das den Raum und Victorias Herz erfüllte. „Die anderen aus der Drei gehen heute nach Schluss ins Fässchen, bist du auch dabei?“
„Nur die Drei?“ Sie versuchte sich die Verunsicherung nicht anmerken zu lassen, diese hatte sie in der Vergangenheit bereits einige Beziehungen gekostet. Letztes Mal waren einige vom vierten Stock mitgekommen und sie war in den angeregten Gesprächen völlig untergegangen. Das wäre schon unter normalen Umständen unangenehm, in Cloes Gegenwart fühlte sie sich in solchen Situationen nochmal schlechter, wenn sie sozial versagte.
„Ja. John, Mark und ich“, bestätigte sie und setzte sich entspannt lächelnd an den Küchentisch. „Und du, sofern du magst.“ Im Gegensatz zu ihr trug Cloe ausschließlich Secondhand-Kleidung, strahlte mit ihrer ungeschminkten Schönheit und roch nach veganer Castile-Seife statt Parfüm und Conditioner, dazu passte die verbeulte Bentobox, die sie eben aus ihrem Baumwollbeutel kramte.
„Okay.“ Victoria zog den Blumentopf auf der Fensterbank mit Zeige- und Mittelfinger zu sich, um mit den von Blumenerde verdreckten Dekosteinchen zu spielen. War sie nervös, musste sie ihre Hände beschäftigen, eine blöde Angewohnheit, aber wenigstens hatte sie damit aufgehört, ihre Fingernägel bis aufs Fleisch runter zu nagen und den Lack abzukratzen, sodass sie nie Nagellackentferner gebraucht hatte. „Okay, wenn du meinst, die anderen stört es nicht.“ Da, jetzt war es passiert, sie hatte sich entlarvt, ihrer neuen Freundin ihre Unsicherheit preisgegeben. Victoria schluckte, kratzte sich verlegen am Nacken, ehe es ihr gelang, sich gerade hinzustellen.
„So ein Quatsch, die freuen sich.“ Das war eine Lüge, außer Cloe freute sich keiner über ihre Anwesenheit, bestenfalls wäre sie den beiden einfach egal. Victoria kam sich vor wie ein lästiger Fremdkörper, ein feines Katzenhaar, das unter dem Augenlid klebte und man nicht weggespült bekommt.  „Bist du dabei?“
„Na gut“, murmelte sie, schob die ausgemergelte Büropflanze an ihren Platz und schlurfte zur Kaffeemaschine. „Gerne.“
„Prima.“ Cloe gabelte den Rest ihres Linsensalates auf, nahm einen Riesenbissen und erklärte mit vollem Mund: „Wir gehen um viertel nach Fünf los.“
„Okay“, wiederholte Victoria und überlegte, wie sie das eine Thema ansprechen sollte, das schon wochenlang nicht aus dem Kopf bekam. „Du, ähm, ich habe eine Frage wegen, ähm …“, begann sie, stellte die einzige Tasse, die noch im Schrank war, unter die Maschine und wählte die Taste für zwei Espressos. „Hm, also … Ähm …“ Der Lärm des Mahlwerks verschluckte ihr unbeholfenes Stammeln, indes gestikulierte ihr Cloe, dass sie auch gerne einen Kaffee hätte. „Schwach mit Hafermilch?“, erkundigte sich Victoria grinsend, sie hatte sich die Kaffeevorliebe ihrer Freundin gleich am ersten Tag nach dem Kennenlernen gemerkt, sowieso war ihre Wissbegierde kaum zu stoppen, wenn es um Cloe ging. Beim Hinunterstürzen der schwarzen Brühe verbrannte sie sich den Gaumen, unterdrückte ein Winseln und machte sich sofort daran, die Keramiktasse mit ein wenig Spülmittel zu säubern.
„Genau.“ Die Assistentin streckte die Arme über den Kopf, lehnte sich auf dem Stuhl zurück, bloß um sogleich wieder nach vorne zu schießen und zu fuchtelnd zu rufen: „Ach nein, haben die Deppen alle Tassen im Büro verteilt?“
„Wie üblich“, erwiderte Victoria trocken, mehr als eine Tasse im Schrank war tatsächlich eher die Ausnahme im dritten Stock, dafür fand man sie dann an jedem noch so absurden Ort, beispielsweise auf dem Tampondispenser in der Damentoilette oder hinter dem Aktenvernichter.
„Mensch“, seufzte Cloe kopfschüttelnd und ließ sich gegen die Stuhllehne fallen.
„Keine Sorge, ich teile gerne Tassen mit dir.“ Victoria war bereit alles mit ihrer Freundin zu teilen, allerdings war es noch zu früh, ihr das zu sagen, Zurückhaltung wäre besser, soviel hatte sie aus ihrer letzten Beziehung gelernt.
„Du bist zu süß“, kicherte die Jüngere schäkernd, bevor sie sich erinnerte: „Was wolltest du vorhin?“ Die Angesprochene winkte ab, erneut war es die Kaffeemaschine, die ihr mit ihrem Krachen etwas Zeit gab, doch auch die große Tasse war irgendwann gefüllt und Victoria brachte es endlich über die Lippen: „Willst du am Sonntag zu mir kommen? Ich hatte vor Vollkornpasta an Tomatensauce zu kochen und zum Nachttisch gibt es Kuchen mit kandierten Früchten.“ Es wäre ihr erster gemeinsamer Valentinstag, überhaupt das erste Mal, dass Victoria den vierzehnten Februar nicht in trauriger Einsamkeit mit einer Tüte Chips unter der Bettdecke, sondern mit einer geliebten Person verbringen durfte.
„Oh, das ist lieb von dir, aber mein Verlobter heckt irgendetwas aus, ich habe keine Ahnung was er vorhat, der Drecksack verrät mir nichts, ich solle mir den Abend freihal… Victoria? Victoria, alles okay?“ Nein, für Victoria war nichts mehr okay.

Autorin: Rahel
Setting: Büroküche
Clues: Nagellackentferner, Ritterrüstung, Blumentopf, Wissbegierde, Aufmerksamkeit
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