Wo ist der Mond?

Warnung: Diese Kurzgeschichte greift ein Thema auf, das für einige Leser schwer zu verkraften sein könnte. Mehr zu unseren Warnungen sowie wann und weshalb wir sie anwenden, erfahrt ihr in unseren FAQ.

Es war gegen zwei Uhr gewesen, als Arjun Lindas Anruf erhalten hatte. Aufgebracht hatte sie geklungen, seine Nachbarin, die Maria ins Krankenhaus gebracht hatte. Aufgebracht und ängstlich. Er hätte gleich nach Hause gehen sollen.
„Ich Idiot“, schalt er sich auf das Lenkrad schlagend. Sie hatte ihn heute Nachmittag angerufen, ihm gesagt, es gehe ihr nicht so gut und er hatte ihr versichert, sich direkt nach dem morgigen Meeting auf den Weg zu machen. „Ich Riesenidiot!“
Es war zu früh, vier Wochen vor dem Termin. Der Stadtverkehr lichtete sich. Die Autobahnauffahrt in Sicht, trat Arjun kräftiger aufs Gaspedal. Maria war ein starker Mensch, kein Hindernis schien ihr unüberwindbar, nie ließ sie sich ihren Optimismus nehmen und er liebte sie dafür. Nein, jeder liebte sie dafür, sogar seine Eltern. Die Lichter verloren sich in seinem Rückspiegel, wurden kleiner, bis sie hinter Schallschutzwänden verschwanden. Vor ihm lag eine zweieinhalbstündige Fahrt über die leergefegte Autobahn. Zeit, die er mit sich alleine aushalten musste. „Scheiße, scheiße, scheiße!“
Sie hatten sich für Luna entschieden, ein Name, der, wie er fand, eher zu einem Hund, als zu seiner erstgeborenen Tochter passte. Aber Maria hatte sich durchgesetzt, das tat sie fast immer. Passend, dass Luna in einer Neumondnacht auf die Welt kommen wollte, als protestiere sie gegen ihren Hundenamen. Maria fände darin bestimmt einen Grund zum Lachen.
„Siri, ruf Linda an.“ Marias Telefon war ausgeschaltet.
„Linda wird angerufen“, antwortete Arjuns digitale Assistentin und die Nummer seiner Nachbarin wurde gewählt. Mit jedem Rufton, der im Innenraum seines Autos verklang, schwand seine Hoffnung ein Stück mehr. Beim fünften Mal schepperte eine mechanische Stimme aus den Lautsprechern: „Sie haben die Nummer Null, Sieben, Neun, Drei…“
„Siri, auflegen“, stöhnte er, blinzelte eine Träne weg und ignorierte das Tempolimit.

Es hatte angefangen zu regnen, das Trommeln auf dem Autodach vermischte sich mit seinem Herzschlag. Kurz vor Vier leuchtete die Tankanzeige. Sogleich überschlug er, wie viele Kilometer zwischen ihm und dem Krankenhaus lagen, wie lange der Wagen wohl noch durchhielte. Mit sich hadernd bog Arjun bei der nächsten Tankstelle ab, stieg aus und sprang zum Kartenautomaten. Beinahe entfiel ihm die PIN, so aufgeregt war er. Jede Minute war kostbar, hatte er doch schon den ganzen Abend auf dieser blöden Konferenz verschwendet, statt ihn an der Seite seiner Frau zu verbringen. Er rannte zur Tanksäule, nahm die Zapfpistole und steckte sie zittrig ein. Sobald Luna da ist, wollte er sich ändern, weniger oft für die Arbeit verreisen, die Überstunden sein lassen, ein involvierter Vater sein. Und nun begann ihr Leben mit ihm auf Dienstreise. Beim dritten Versuch gelang es ihm, den Zapfhahn in die Aufhängung zu legen. Der Tankdeckel rastete ein und er hechtete zurück auf den Fahrersitz, um ohne zu blinken auf die stockdüstere Autobahn zu rasen.
„Siri, ruf Linda an“, probierte Arjun es erneut.
„Linda wird angerufen.“ In einer halben Stunde hätte er es geschafft, solange ihn er nicht von einem Streifenwagen aufgehalten würde.
„Sie haben die Nummer Null, Sieben, Neun, Drei, Acht …“
„Scheiße!“

Arjun ließ seinen Firmenwagen auf dem Notfallparkplatz direkt vor dem Krankenhauseingang stehen und vergaß seine Schlüssel. Er hatte nicht vor eine weitere Minute zu verschwenden, wenn Luna es eilig hatte, dann auch er. Die automatische Tür drehte sich langsam, entschleunigte ihn schmerzhaft und auf einmal war er gedanklich in dem kalten Foyer angekommen.
„Hallo?“ Er räusperte sich und wiederholte lauter: „Hallo?!“ Ein Blick zum Empfangspult bestätigte seinen Verdacht, dass er auf sich alleine gestellt war, also suchte er die Halle ab, entdeckte die Aufzüge und spurtete zu ihnen. „Entbindung, Entbindung, Entbindung“, murmelte Arjun vor sich hin, während er den kruden Lageplan zwischen zwei Fahrstühlen studierte. „Entbindung!“, stieß er seine Angst für einen flüchtigen Moment vergessend aus und hämmerte auf den Liftknopf.

„Hallo, hallo!“ Über seine eigenen Füße stolpernd landete er bäuchlings auf dem Boden. Die Pflegerin, der er gefolgt war, drehte sich um, schaute ihn zuerst verwirrt, dann alarmier an und hastete ihm zu Hilfe.
„Haben Sie sich wehgetan?“
„Nein, nein. Ich …“ Arjun schnaufte schwer und rappelte sich auf. „Ich muss zu meiner Frau. Ihr Name ist Maria, Maria Patel-Schneider, unsere Nachbarin hat sie hergebracht, weil etwas …“ Abermals stockte er, schluckte, ehe es fertigbrachte, seine schlimmste Befürchtung in Worte zu verpacken: „Meine Nachbarin hat sie hergebracht, weil etwas mit unserem Baby passiert ist.“
„Oh.“ Sichtbar beunruhigt streckte sie ihre Hand zu ihm aus und sah zu einer Glastür, an der bunte Zettel mit inspirierenden Zitaten hingen. „Menna, kommst du bitte?“ An ihn gewandt fügte sie forciert lächelnd hinzu: „Einen Augenblick, Menna kann ihnen Genaueres sagen.“
„Wo … Wo ist Maria? Wo ist …“ Ein Schluchzen brach aus ihm, er packte die Pflegerin bei den Schultern und fühlte, wie sich seine Beine in nutzlose Anhängsel verwandelten. „Luna! Wo ist der Mond?!“
„Arjun!“, brüllte Linda vom anderen Ende des Ganges. „Arjun, da bist du ja!“ Hinter ihr klaffte ein schwarzes Loch, ein Fenster in die mondlos regenweinende Nacht. „Arjun, oh, Arjun.“ Und da wusste er es.

Autorin: Rahel
Titelvorgabe: Wo ist der Mond?
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