Mutters Vase

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der achten Clue Writing Challenge.

Es war einer jener Abende, die er früher so richtig genossen hätte, heute signalisierte die Dämmerung lediglich das Ende eines elend langen Tages zwischen Küche, Wohnzimmer und Balkon. Walter streckte sich, gähnte, müde vom Müßiggang und raffte sich schließlich auf, um sich die Füße zu vertreten. Hagen, der auf ihm gelegen war, reagierte mit einem faulen Ächzen und rollte sich auf der nunmehr leeren Couch zusammen. Eigentlich liebte Walter sein Leben mit Hagen, hatte dafür so einiges geopfert und natürlich täte er das jederzeit wieder, nach zwei Monaten in Quarantäne allerdings konnte er sich nichts Schöneres vorstellen, als den anderen wenigstens für ein paar Stunden loszuwerden. Seinem Freund ging es bestimmt genauso, trotzdem war er nach wie vor überzeugt, sie beide würden auch diese Misere überstehen und bald schon darüber lachen. „Essen?“, nuschelte Hagen in das grottenhässliche Kissen, das ihnen seine Tante zum Einzug geschenkt, eher aufgeschwatzt hatte.
Walter schaute auf den schlaftrunkenen Mann, der langsam mit der Backe über den Sofarand rutschte und grinste kopfschüttelnd. „Später. Ich geh ein Weilchen raus, Zeitung lesen.“
„Hmmkr“, machte er und schloss die Augen. Manchmal erinnerte er ihn an Fred, die senile Katze der Nachbarin, die sie bis vor zwei Jahren regelmäßig besuchen kam, wobei Hagen den Balkon aus Höhenangst mied, statt wie Fred geschmeidig übers Geländer zu balancieren. „Mnnchips.“
„Es gibt keine Chips“, gluckste Walter, schnappte sich die Tageszeitung und öffnete die leicht schief hängende Glastür. „Schlaf weiter.“ Das Wetter war unentschlossen, ob es ungewöhnlich heiß oder ungewöhnlich eisig sein sollte, heute war das Wetterroulette auf nasskalt mit Graupelschauer und sporadischen Windböen gefallen, so gar nicht nach Walters Geschmack. Sie hatten sich damals, als sie über die richtige Wohnung diskutierten, gegen ein Extrazimmer für die riesige Glasfront entschieden, leider half die wenig, wenn die Sonne sich versteckte. Geschwind klaubte er eine Zigarette aus dem Päckchen, zündete sie an und klemmte sie in den Mundwinkel. Dann blätterte Walter abwesend durch das Tagblatt, mittlerweile völlig abgestumpft gegen die Überschriften, die ihm finanziellen und gesundheitlichen Ruin prophezeiten. Der Schock saß so tief, dass sein Verstand ihn automatisch ausblendete. „Verdammt“, murmelte Walter und pfefferte die Zeitung auf das Balkontischchen. „Jetzt will ich Chips!“ Seufzend klopfte er sich auf die Oberschenkel und stand auf, da hörte er ein Zischen und Glas zerbarst. „Was zur Hölle ist los?“, rief er ins Innere, darauf vorbereitet, seinem Liebsten beim Aufwischen zur Hand gehen zu müssen. „Sind wir die Vase deiner Mutter endlich los?“, frotzelte er, drückte den kaum angerauchten Glimmstängel aus und meinte gespielt reumütig: „Oh nein, die schöne Vase!“ Die Balkontür quietschte wie üblich und Walters Nackenhaare stellten sich auf. „Ekelhaft“, murrte er. „Schatz, ich hab’s nicht so gemeint, die Vase ist wundervoll, deine Mutter hat die prima ausgesu… Schatz?“ Neben der unversehrten Blumenvase schlummerte Hagen friedlich auf der Couch und Walter fragte sich, ob er sich den Lärm vielleicht nur eingebildet hatte. Sich am Kinn kratzend beäugte die Vase abermals argwöhnisch und stellte fest, dass sie hässlich wie eh und je war, bevor er sich im Rest des Raums umblickte „Oh, das Fenster.“ Tatsächlich lagen einige winzige Scherben auf dem Parkett, bei näherem Hinsehen entdeckte er sogar den Durchbruch in der Glasfront, durch den …
„Nein!“ Von einer Panik gepackt, die er seit bald Dekade nicht mehr gefühlt hatte, wandte er sich um und stürzte sich auf seinen reglosen Freund. „Hagen, nein!“ Das Blut floss im stetig langsamer werdenden Rhythmus aus dem kleinen, beinahe perfekt geformten Loch in Hagens Stirn. „Nein, nein“, wiederholte er, packte den anderen an den Schultern, schüttelte ihn und drückte den noch warmen Körper an sich. „Nein.“
Es klingelte an der Tür. Walters Innereien verknoteten sich, füllten sich mit kochendem Blei und rissen ihn zu Boden, sein rechter Ellenbogen schlug gegen das Beistelltischchen, die scheußliche Vase kam ins Schwanken, kippte und zerbrach in zwei Hälften. „Nein, Hagen, nein, oh, Himmel, nein“, flehte er einen Gott an, über dessen Existenz er sich unsicher war, schluchzte einem getretenen Hund gleich auf. „Bitte!“ In den ersten Wochen, Monate und Jahren hatte er jede Minute damit gerechnet, aber seine Angst, die Familie käme, um ihn zu holen, verschwand mit jedem Tag ein Stück mehr, bis sie zu einer vagen Gestalt in seinem Gedächtnis geworden war. Erneut läutete die Türklingel, drang zu ihm als surreales Relikt der Welt, die gerade um ihn herum zersplitterte. Er hätte es wissen müssen, es kommen sehen sollen, was jetzt gerade geschah. Die Familie war gründlich, schon immer. Hagen, ihr gemeinsames Leben, stand im Weg, also wurde getan, was notwendig war, um ihm keine Wahl zu lassen. Das penetrante Geräusch wollte nicht verklingen, drängte den Schmerz und jeden tobenden Gedanken beiseite. Plötzlich hielt Walter inne, stierte apathisch geradeaus, durch seinen toten Gefährten hindurch sah er sich selbst dabei zu, wie er zu demjenigen wurde, der er vor langer Zeit einmal gewesen war. Wieder schellte es und dieses Mal erhob er sich, ging um die Couch herum und marschierte mit hängenden Armen durch den Flur, um Rita einzulassen.
„John“, begrüßte sie ihn mit einem hinter dem Mundschutz verborgenen Lächeln. „Lange ist’s her.“
„Ich komme nicht zurück.“ Ihre braunen Locken waren hier und da grau, die Augen ein wenig müde geworden, ansonsten hatte sie sich im vergangenen Jahrzehnt kein bisschen verändert.
„Ach, John“, sagte sie und ihre Ohrringe wackelten zusammen mit dem üppigen Busen. „Ich befürchte, du wirst nicht gefragt.“
„Mein Name ist nicht John.“ In seinem Hinterkopf wütete der Sturm weiter, zerstörte seine Hoffnung auf die Zukunft, die er sich mit Hagen ausgemalt hatte, doch äußerlich blieb er ruhig, gespenstisch ruhig. „Vergessen?“
„John, Clint, Marcel, es spielt keine Rolle, welchen Namen du dir gibst und ob du dich anziehst wie ein alternder Punk“, holte sie im mütterlichen Tonfall aus und trat in die Wohnung, die er mit Hagen zu seinem Zuhause gemacht hatte. „Du gehörst zur Familie und damit basta.“
„Walter“, brummte er erst leise, dann lauter: „Ich heiße Walter.“
„Jaja, Liebes, wenn du meinst.“ Sie streifte die Maske ab, sodass ihr Lächeln nicht länger eine Vermutung, sondern zur Gewissheit wurde. „Komm, dein Bruder räumt hier gleich auf, wir fahren schon mal vor.“
„Saß er am Abzug?“, verlangte Walter zu erfahren und wich der Donna aus, als sie nach seiner Hand greifen wollte.
„Nein. Cousin Marty. Er ist ein guter Schütze geworden, weißt du.“ Nun erwischte sie seinen Unterarm, schmunzelte und zog ihn zu sich. „Komm.“
„Ich hole meine Sachen.“

Autorin: Rahel
Charaktervorgaben: Rita, Walter, Hagen
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