Ahnenhalle

RahelAutorin: Rahel
Setting: Gewächshaus
Clues: Zielfernrohr, Rechaudkerze, Router, Eisscholle, Animation
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Als ich diesen Ort vor drei Jahren zum letzten Mal betreten hatte, rutschten meine Fersen bei jedem Schritt aus den Gummistiefeln meiner Mutter und meine Hände wirkten in den geblümten Gartenhandschuhen, wie die einer Puppe. Vieles hatte sich verändert, wir alle waren nicht mehr dieselben und es erstaunte mich doch sehr, dass das marode Gewächshaus nicht einer kargen Eisscholle, sondern einem urbanen Urwald glich. Die unzähligen Pflanzen, deren Namen ich nie gekannt habe und die ich – als der Banause der ich nun einmal war – mit dem so treffenden Wort ‚Grün‘ bezeichnen würde, wucherten wild und frei durcheinander und schienen die Abwesenheit ihrer Gärtner in vollen Zügen auszukosten. Kaum noch fand man intakte Gläser in dem gusseisernen Schachbrett, aus dem die Wände dieser farbenprächtigen Halle gefertigt worden waren; beinahe alle lagen sie in vergilbte Scherben zersplittert auf dem sandigen Boden oder waren längst von der Blumenwelt einverleibt worden. Die stummen Kreaturen hatten das Gewächshaus in nur drei Jahren um gefühlte Epochen altern lassen und ich bildete mir ein, zarte Klänge einer Spieluhr zu vernehmen, die vom Wind durch die zerbrochenen Fenster getragen werden.
Auf dem verschnörkelten Beistelltisch neben dem Schaukelstuhl meines Urgrossvaters lagen, im dichten Staub der verflossenen Zeit präserviert, alte Gartenzeitschriften, darauf stand eine einsame Rechaudkerze, die ich behutsam säuberte und mit meinem billigen Feuerzeug entflammte. Der heilige Garten meiner Mutter, meiner Familie frass mich mit Haut und Haaren auf und beinahe wäre es mir gelungen, mich zu vergessen. Es schien mir, als hätte man mich in die Zukunft geschickt; als wäre ich nach dem Erwachen irgendwann in ein Wurmloch geraten und durch die Zeit gereist, bis ich mich in den wilden Ranken der blühenden Zeitzeugen des Glashauses verfangen hätte. Doch so sehr ich an diesem Augenblick hätte zweifeln wollen; ich war hier und heute.

Es fiel mir leicht mich daran zu erinnern, wie ich zum ersten Mal erfuhr, woher all die Blüten und Blätter kamen. Es war ein lauer Sommerabend im Juli, meine Grossmutter trug Schwarz und ihre Augen waren verquollen und so rot wie die Gerbera, die abgeschieden von ihren Freunden neben den Giesskannen gediehen war. Einige Tage zuvor war ihr Ehemann, mein allerliebster Opa, im Schlaf vergangen und wir alle hatten uns versammelt, um seine Asche unter dem knochigen Astwerk eines Hollunderstrauches zu verstreuen; sie nannten es ‚Sähen‘ und schon als Kind hatte ich die versöhnliche Geste des Weiterlebens erkannt und dankte Opa für die Marmelade, die er uns jedes Jahr schenkte.
Wie vom lautlosen Rufen meiner Vergangenheit getragen, suchte ich nach meinem Grossvater und fand ihn; er war ausgeufert und übernahm beinahe die gesamte Westseite unseres gläsernen Familienpalastes – wie typisch für ihn. Ich griff durch seine dicht verzweigten Äste und zog etwas Metallenes hervor und ein wehmütiges, warmes Gefühl lockte meine Lippen und zwang sie zum Lächeln. Grossmutter war immer sehr stolz darauf gewesen, dass ihr lebenslanger Gefährte sein Sturmgewehr 44 nie auf seine Freunde und Nachbarn, aber auf seinen Offizier gerichtet hatte. Wie mein Vater es mir am Tag seiner Abreise beigebracht hatte, montierte ich das mittlerweile rostbraune Zielfernrohr ab, wischte mit meinem Ärmel darüber und verstaute es vorsichtig in der Tasche meiner ausgebeulten Jeans – ich werde damit heute Abend einen Stern im erleuchteten Himmel über der Stadt suchen, obwohl ich weiss, dass ich wahrscheinlich scheitern werde.
Immer noch lächelnd verabschiedete ich mich von Grossvater und Grosstante Aurelia, deren einst strahlende, vom Alter unberührte Schönheit sich nun welk und ausgetrocknet aus dem Kiesbeet schlängelte. Ich grub die Finger beider Hände in meine Oberarme und mein Körper wollte mir den Gang zur südlichen Glasfront verweigern, dennoch gelang es mir, meiner Mutter mit zaghaftem, aber erhobenem Blick zu begegnen. Sie war mit meiner Grossmutter zu einer Einheit verwachsen und streckte mir kleine, erhabene Blüten in strahlendem Weiss entgegen – so als würden sie mich feierlich in meiner alten Heimat willkommen heissen wollen. Ich wollte mich hinknien, in ihre hölzernen Arme fallen und ihre unbedingte Liebe empfangen – ich wollte zurück in die sorgenfreie, lustvolle Verfassung, die nur ein Kind erfahren kann, dass sich allen Zweifeln erhaben fühlt. Ich streckte meine Hand aus, berührte eine winzige, fragil wirkende Knospe und wich augenblicklich erschrocken zurück.

Es dauerte eine unschätzbare Ewigkeit, bis ich mein Momentum fand und die erdrückende Ahnenhalle und die einschüchternde Präsenz meines vergangenen Lebens endlich verlassen konnte. In wenigen Minuten würde der Makler den schmalen Pfad, welcher beinahe gänzlich von den umgebenden Feldern verschluckt worden war, entlang kommen und ich würde mit meiner unbeholfenen Unterschrift meine Familie verkaufen. Es war mir bis zu diesem Atemzug nicht eindeutig, ob mich diese Konsequenz meines Scheiterns zerschlagen würde, oder ob sie die Animation war, die noch fehlte um meine Existenz endlich in die Bahn zu werfen, die ich mir vorbestimmt glaubte.
Am Montag, direkt nach der Mittagssitzung, sobald die Einzahlung sicher auf meinem Konto liegt, würde ich mir die Courage leisten können, meinem Chef zu sagen, dass ich mein Leben nicht weiter damit verschwenden werde, Computer, Telefone und Router zu verkaufen. So schwer es mir fallen wird, meine Vergangenheit, meine allerliebste Familie für immer verlassen zu müssen, so glaubte ich, mit der unerschütterlichen Zuversicht eines Kindes, dass sie diesen Weg bereitwillig für mich gehen würden.

Als ich die Reifen auf dem knirschenden Grund der unbefestigten Strasse hörte, eilte ich zurück in das Gewächshaus. Mit einer sperrigen Gartenschere, die ein unnatürlich sandiges Geräusch machte, trennte ich ein kleines Stück des Astes, direkt hinter der zarten Knospe ab und wickelte ihn in ein Taschentuch; Ich hoffte, dass meine Mutter bis zum Tag meines Universitätsabschlusses meine ganze Fensterbank bewohnen würde.

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