Fan-Bonus | Omas Welt

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Selbstverständlich will Oma zu exakt der Zeit einkaufen gehen, wenn die berufstätige Dorfbevölkerung auf dem Heimweg Besorgungen macht. Es ist wohl ein natürlicher Aspekt des Älterwerdens. Je näher der Sturz ins ewige [passster password=“rE498-4721dsf“]Nichts rückt, desto wichtiger wird es, das Umfeld wissen zu lassen, dass man noch da ist. Auch wenn das bedeutet, Fremden zur Last zu fallen. Die Schlange vor uns ist gefüllt mit Menschen, die irgendwo zwischen Arbeit und Familie steckengeblieben sind, ich wundere mich, in welche Richtung es sie mehr zieht. Beinahe jeder begrüßt die gebrechliche Frau an meiner Seite, kennt sie von hier, dort oder sonstwo. Sie ist mein Gegenteil, stellt sich mit offenen Armen in die Menge und heißt jeden in ihrem Leben willkommen. Indes versinke ich in meinen Gedanken, hoffe, sie mögen mich verschlucken. Am liebsten bin ich unsichtbar, gebe mein bestes, mich selbst so wenig wie möglich wahrnehmen zu müssen. Ein Kunde geht hinaus, drei weitere zwängen sich hinein. Der Trott treibt uns einen Schritt vorwärts, näher heran an die Wursttheke.
„Nimmst du mir das ab?“, fragt die Heldin meiner Kindheit und reicht mir ihre Handtasche. Es ist ein lederner Sack, prall gefüllt mit Bonbons, Taschentüchern und ihren Medikamenten. Er riecht nach warm-süßlichem Parfüm sowie schwach, obschon unverkennbar, Urin. In den letzten Jahren habe ich ihr einiges abgenommen. Den Haushalt, Fahrdienst, Erledigungen rund ums Haus und die Verantwortung, ihre geliebte Familie im Gleichgewicht zu halten. Gerne mache ich es nicht, dennoch tue ich es gerne für sie. So ist es allgemein mit vielem, wahrscheinlich allem.
„Danke, Liebes“, sagt sie, meinen Unterarm mit ihren knochigen Fingern drückend. Die gefleckte Haut darüber wirft Papierfalten, könnte jederzeit reißen. Ihre Berührungen sind mir heilig. Und sie werden mir fehlen. Seit ich vierzehn bin, weiß ich, wie ich sterben werde. Durch meine eigene Hand, zweieinhalb Kilometer bachabwärts der Gruberquelle, mit einem laminierten Warnschild über meiner zugedeckten Leiche, während auf meinem Schreibtisch ein Umschlag mit den vorbereiteten Formalitäten darauf wartet, entdeckt zu werden. Wann es soweit ist, bleibt mir ein Rätsel. Vielleicht schaffe ich es doch bis in hohe Alter, dann kann ich um punkt viertel nach fünf Uhr nachmittags mit den Heimkehrenden in die Läden strömen, sie mit Kleingeld sowie Unentschlossenheit aufhalten. Später erliege ich im Heim meinen unzähligen Gebrechen, alleine. Das ist okay, ich habe den Traum vom Suizid. Er beruhigt mich jede Nacht. Manchmal tagsüber.
„Isst du bei uns?“, lädt sie mich zu der allmonatlich stattfindenden Familienzusammenkunft ein. Früher klammerte ich mich an jede Ausrede, um meinen unerträglichen Tanten aus dem Weg zu gehen. Heute ertrage ich sie. Stoisch, wie ich alles ertrage, inklusive mich selbst. Ein Lächeln trifft mich hart und unbemerkt schleicht sich mir zur Erwiderung ein Grinsen auf die Lippen. „Was gibt es?“ Sie hat es mir bereits erzählt, spricht kaum von was anderem als Mahlzeiten. In der Schublade unter ihrem Esstisch liegen hunderte kleine Rezeptzettelchen, bekritzelt mit Speisen, die sie nie zu sich nehmen wird. Ihre Schrift war einst edel, geschwungen und vital. Sie ist mit ihr verfallen. Ein Buch fällt zu Boden, bringt die tranceartige Stimmung im Metzgereigeschäft aus der Balance. Ein dünnes Werk über den Getreideanbau im Neolithikum, aufgehoben von einer schlaksigen Studentin, die verlegen eine Entschuldigung murmelt.
„Schweinebraten. Für dich mache ich eine Forelle, außer du …“ Die Glocke über der Ladentür klingelt heiter, Oma verstummt. Ein Herr im Anzug tritt ein und übertönt die Schweigsamkeit im Raum mit seinem Telefongespräch. „M-hm“, brummt er, auf seine Rolex schauend. „M-hm, m-hm. Morgen bin ich im Ministerium verabredet, danach melde ich mich. Und, Konrad“, setzt er bedrohlich grollend an, „dieses Mal behaltest du deine kreativen Ideen für dich und hältst dich exakt an meine Anweisungen, klar?“ Er macht eine Pause und blickt sich mit erhobenem Kinn um, bleibt an einem Ausschnitt hängen und wird prompt ertappt. Ein Mädchen vor uns schnauft augenrollend aus, hat wie der Rest der Anwesenden bemerkt, dass sein Gespräch weniger um die Materie, vielmehr um Status geht. Ansehen könnte ich auch haben, ziemlich einfach sogar, denn ich bin ein Perpetuum Mobile. Naja, fast. Ich schlafe zu wenig, esse nur, wenn es unbedingt sein muss und schufte trotzdem wie ein nimmermüdes Tier. Das einzige, was ich zum Funktionieren brauche, ist Wille, kein Kokain, kein Schulterklopfen, keine Zukunft. Dieser Lebensstil war aus dem Wunsch entstanden, mein Gehirn dermaßen zu überladen, bis es in sich zusammenfällt und die existenziellen Fragen, Zweifel und Ängste in tausend Scherben zersplittern. Statt Geltung hatte ich nach dem Frieden, der in konstanter Ablenkung steckt, gesucht. Nun ist es bloß Gewohnheit. Ich habe die Schönheit im verzweifelten Rennen um Sinn und Zweck längst erkannt. Deshalb mag ich es, auf dem Laufband ins Leere zu joggen. Unverschnörkelte Monotonie ohne Ziel. Herrlich ehrlich. „Du wolltest etwas sagen“, erinnere ich Oma an ihr Angebot, mir eine ihrer Köstlichkeiten zuzubereiten. „Gut, gut“, posaunt der Anzugträger, ehe er sein Handy wegsteckt und alle aufatmen. Endlich schreiten wir voran, hinter der Wursttheke winkt ein Metzger ihr zu und ich meine, ihn von irgendwoher zu kennen.
„Eine Forelle“, schlägt sie erneut vor. „Oder möchtest du Heilbutt?“
„Forelle klingt toll. Danke dir, Oma.“ Das Glöckchen läutet. Leute kommen, Leute gehen.
„Sehr schön, Liebes.“ Die Zufriedenheit strahlt ihr aus dem Gesicht. Bald ist die Familie wieder gemeinsam am Tisch, mehr will sie nicht. „Wir müssen noch bei der Poststelle halten und eine Briefmarke für die Postkarte an Karl holen. Er ist im Krankenhaus.“ Sie klagt mit routinierter Niedergeschlagenheit, die so rasch verblasst, wie sie gekommen ist. Gleichmut ist ihre Stärke, ebenso meine. Sie hakt sich ein, lehnt sich vertrauend an mich und seufzt selig. Ich liebe sie. Wenn nichts anderes, so sie. Die gepolsterten Griffe ihrer Tasche pressen sanft gegen meine Handinnenflächen, ein angenehmes Gefühl. Als hielte ich ihre Welt in Sicherheit. Und da ist er, mein Sinn. Für heute.

Autorin: Rahel
Setting: Wursttheke
Clues: Kokain, Ministerium, Perpetuum Mobile, Neolithikum, Briefmarke
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