Advents-Special | Das erste Mal zum letzten Mal

Dem ersten und letzten Mal haftet eine natürliche Nervosität, eine gewisse Angst an. Der Mensch war schon immer fasziniert von Premieren und Abschieden, oftmals feiert er sie, fiebert ihnen entgegen oder trauert ihnen jahrelang hinterher. Für June war es ein Tag der vielen ersten Male – niemals zuvor war sie in einem kleinen Flugzeug gesessen, nie abgestürzt, selbst und selbst die Ohnmacht war ihr völlig neu.
Wie ein Schlag in den Magen überfiel sie die Kälte, zerstörte ihren Dämmerzustand in Sekundenbruchteilen. „H-gnh!“ Das Wrack der Beechcraft Bonanza lag zirka dreißig Meter von ihr entfernt, June musste beim Aufprall in die Schneedecke hinausgeschleudert worden sein. „F… Fra…“, versuchte sie ihre Stimme zu finden und streckte in einer instinktiven Geste ihre Hand nach dem Piloten aus. „Ngh-waah!“ Die Schmerzen kamen in ihrem Geist an, ein scharfes Stechen schnellte aus ihrem linken Handgelenk hinauf, bohrte sich regelrecht in ihr Gehirn. Schockiert blickte sie auf das Knochenfragment, das zwischen der gerafften Borte ihres Mantelärmels und dem Handschuh hervorragte. Abgeknickt, einfach abgeknickt. „Frank“, rief sie schwach. „Frank, bist du tot?“

„Bitte, ich brauche das“, erklärte sie ihre die Tränen zurückhaltend. „Diese Enthüllung könnte meine Karriere auf die nächste Stufe katapultieren.“ Journalismus interessierte persönliches Timing nicht, das sollte ihre Mutter verstehen. Insgeheim war June froh um den Auftrag, bloß der Gedanke an das erste Fest ohne ihren Papa, war mehr, als sie ertragen konnte.
„Ich weiß, Schätzchen.“ Der Mama stand die Wehmut ins Gesicht geschrieben. „Trotzdem ist es falsch, June. Wie kannst du uns an Weihnachten alleine lassen und das, nachdem dein Vater …“
„Mama.“ Weinen brach aus ihr heraus, die Mutter umarmte sie, im Hintergrund spielten fröhliche Weihnachtslieder und ihr Neffe zündete eine Wunderkerze an. „Mama, es tut mir leid.“

Franks Schädel war bei der Kollision an der Armatur aufgeschlagen, aufgeplatzt wie eine faule Kokosnuss. Die Sonne waberte knapp über dem Horizont, als June sich im Fußraum des Cockpits zusammenkauerte. Die Nase der Maschine steckte leicht schräg im Schnee, durch einen Riss im Bug strömte eisiger Wind hinein. Die kurze Strecke durch den hüfttiefen Neuschnee zu überwinden war ein Kraftakt gewesen, ausgelaugt und krampfartig zitternd wippte sie sich im Takt ihres Herzschlags, fixierte den Bildschirm ihres Handys, auf dem in großen Lettern stand: „No Signal“. Langsam wurde ihr bewusst, dass vor Anbruch des Morgens keine Hilfe käme. Die Nächte hier oben im Norden waren finster, zu dieser Jahreszeit oft stürmisch und niemand riskierte bei einem Rettungseinsatz Haut und Haar. „Oh Frank“, wimmerte sie die Lider schließend. Der Frost fraß sich tiefer und tiefer in ihren Körper, Schnodder verklebte ihre Nase, ihre Ohren drückten steif gegen die Wollmütze und für einen Moment glaubte sie, die Luft in ihren Lungen gefriere ihre Innereien. „Scheiße!“
Vor einer Woche war Junes Vater gestorben. Es kam nicht überraschend, er war seit Jahren krank gewesen und innert weniger Monate vom angesehenen Star der Lokalpolitik zur geistesschwachen Hülle seiner selbst mutiert.

„Das ist völlig daneben, das ist dir klar?“, keifte Ben ungehalten und stellte das Abendessen bestehend aus Quinoaburger sowie Sprossensalat laut knallend auf den Tisch, sodass Ben Junior zusammenzuckte. „Ausgerechnet jetzt, June, ernsthaft?!“
„Dein Bruder hat nicht unrecht“, mischte sich nun auch ihr Freund in die Angelegenheit. „Vielleicht wäre es besser, wenn du dir eine kurze Auszeit gönnst. Wär‘ was, oder?“ Max meinte es zweifelsohne gut, allerdings verfehlte er Ton wie Stimmung und verärgerte June lediglich.
„Ach, haltet beide die Klappe. Ihr habt keine Ahnung, wie wichtig dieses Engagement für mich ist“, verteidigte sie ihre Entscheidung, vor der Beerdigung abzufliegen und stand energisch auf.
„June, setz dich“, flehte die Mutter. „Essen wir in Ruhe fertig, wir können uns danach unterhalten.“
„Es gibt nichts, über das wir uns unterhalten müssten und euer Rattenfutter könnt ihr behalten.“ Damit stürmte sie aus der Küche. Die weihnächtliche Innendekoration kam ins Wackeln, dermaßen heftig schlug sie die Tür ins Schloss.

Das letzte Mal, als sie ihren liebsten Papa gesehen hatte, hatte er weder sie noch ihre Mutter erkannt, beim Anblick seiner zwei Mädchen schrie er auf, weil er der Überzeugung war, er werde Opfer eines Überfalls. Es war ein scheußliches letztes Mal. „Ich werde hier sterben“, murmelte June in ihren Pelzkragen und dachte an all die anderen letzten Male, die sie mit ihrem Tod hinterließe.
„Frank, hast du eine Familie?“, fragte sie den leblosen Piloten, während sie abermals an den Knöpfen des Funkgeräts schraubte – erfolglos. Auf Franks Augen bildeten sich Eiskristalle, durch milchige Linsen glotzte er in die ewige Dunkelheit. June fühlte ihre Gliedmaßen kaum, alles war steif, in der Zeit erstarrt. Sie musste etwas unternehmen, wenn sie nicht in dieser Schneehölle elendig verrecken wollte. „Verzeih mir, Frank“, keuchte sie und zog sich zu dem Leichnam rüber. Einen Vorteil hatte die brutale Kälte, denn die Schmerzen waren weg. Mühsam zerrte sie Franks Handschuhe, den Schal und schließlich seine Jacke von seinem hartgefrorenen Leib.

„Mäuschen.“ Die Tür öffnete sich, Max hatte seine Jacke bereits angezogen und hatte offensichtlich vor, die Nacht bei sich zu Hause zu verbringen. „Mäuschen, die anderen sind schon weg.“ June knurrte gekränkt und statt ihm zu sagen, wie es ihr wirklich ging, räumte sie wortlos ihre Winterkleidung in die Tasche. „Deine Familie“, begann er leise, „braucht dich.“
„So wie üblich.“ Sie klang bitterer als beabsichtigt. Sich räuspernd legte sie ihre Schneeschuhe aufs Bett, fuhr sich durchs raspelkurze Haare und seufzte: „Schau, es geht nur um zwei Wochen. Einen Tag nach Weihnachten bin ich wieder da und wir können nachfeiern.“
„Wie du meinst, ich werde dich nicht davon abhalten“, brummte Max, trat zu ihr und drückte sie fest an sich. „Ich hole dich vom Flughafen ab.“

Der Abschied war kurz und qualvoll gewesen, so bliebe sie ihrer Mutter, Ben, Junior und Max also erhalten – egoistisch genauso wie empathielos. „So eine verfluchte Scheiße!“ Junes Flüche verhallten in der Eiswüste. Zum ersten Mal war keiner ihrer Nächsten da, um ihr zuzuhören, sie zu beruhigen und ihr zu versprechen, dass alles gut würde. Zum ersten Mal war sie wahrlich einsam, auf sich selbst gestellt. „Verdammtes Drecksflugzeug.“ Sie rutschte einen halben Meter zur Seite, schaufelte mit rechts Schnee auf den Riss in der Beecher und klopfte diesen anschließend fest. Noch vier fünf Handvoll, dann hätte sie das Cockpit abgedichtet.
„Du könntest mir echt helfen, Frank“, lachte June vor sich hin, als sie kurz nach Sonnenuntergang zurück ins Innere kletterte. Womöglich hatte sie die Sonne zum letzten Mal gesehen, war vorgestern zum letzten Mal von ihrer Mama umarmt worden. War es der letzte Streit mit ihrem Bruder gewesen, das letzte Wunderkerzenanzünden mit Junior? Der letzte Kuss von Ben?
Das gleißende Weiß der Schneedecke verschwand in der Nacht. Es war kalt, so kalt und zum ersten Mal in ihrem Leben war June einsam. „Frohe Weihnachten, Frank.“

Autorin: Rahel
Setting: Schneedecke
Clues: Lokalpolitik, Rattenfutter, Innendekoration, Enthüllung, Wunderkerze
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