Halloween-Special | In Extremis

Ihm haftete eine namenlose Müdigkeit an, eine, die alles zu verschlingen drohte. Dort wo sein Körper auf der Matratze auflag, schmerzte die Haut, unsichtbare Nadeln bohrten sich ihren Weg zu seinem Beckenknochen. Das Stechen drängte ihn Stück für Stück ins hier und jetzt, zwang ihn, die Situation wahrzunehmen. Er wollte sich bewegen, wenigstens strecken, doch er war zu schlaff. Nuschelnd betete er, flehte darum, dem Tod noch etwas Leben abzuringen. Aus dieser gottverlassenen Realität war auf keine Antwort zu hoffen. Vor einigen Tagen hatte er sich im einunddreißigsten Stock des Hotelgebäudes eingeschlossen, die Tür verriegelt und den Schlüssel durch den Spalt im Kippfenster in die Tiefe geworfen. Ein guter Ort um sich wegzusperren und in Ruhe zu Sterben, einen Schlussstrich unter das Elend zu ziehen, bevor das Unvermeidbare geschah. Das war sein Plan gewesen. Nun lag er inmitten einer Welt, zu der er bald nicht mehr gehören wird, befleckt von seinen eigenen Fäkalien und im Limbo zwischen Angst und Apathie.
Seine gestotterte Bitte an einen Allmächtigen verwandelte sich in unregelmäßiges Keuchen, die Götter hatten die Erde längt verlassen, ihre Schöpfung dem Teufel zum Fraß vorgeworfen. Staubig trocken lachte er auf, ein klägliches Geräusch, das ihn selbst erschreckte. War es schon so schlecht um ihn bestellt, ging es zu Ende? Etliche Schrammen, Macken und Beulen am Aluminiumrahmen des Fensters erzählten eine Geschichte über die verzweifelte Wut eines Mannes, der sich nach schneller Erlösung sehnte. Weder die Scharniere noch das Panzerglas hatten auf sein Hämmern, Fluchen und Weinen reagiert, er blieb eingeschlossen mit sich selbst, dem, was aus ihm werden würde. Bei der Vorstellung daran wurde ihm speiübel, niemand sollte so enden müssen, keiner hatte dieses Schicksal verdient. Trotzdem ging heutzutage jeder in dieser grauenhaften Art, stieg über die eigene Existenz hinweg in einen Morast aus Moder und hirnloser Gefräßigkeit.
Kälte überkam ihn, kroch seinen Zehen und Fingern entlang, stets in Richtung des Herzens und er ahnte, dass sie ihn nie wieder gehen ließe. Gleichzeitig verklebte Schweiß seine Wimpern, rann eklig kühl über seine Oberlippe in die Mundwinkel. Sein Feuer erlosch nach und nach, daran konnte er nichts ändern. Die Traurigkeit fühlte sich seltsam an, traf ihn unerwartet hart. Dabei gab es nichts, das er verpassen, gar missen könnte. Dort draußen fegte das Verderben über die Landschaft, wandelte in trügerischer Gestalt auf und ab, immer auf der Suche nach frischem Blut. So war es auch seiner Liebsten ergangen.
Ein nahezu stummes Schluchzen brach aus ihm heraus, das Andenken an sie war besudelt, durch ihren Kampf in den letzten Stunden zu einer bizarren Scheußlichkeit verkommen. Geschrien hatte sie, gespuckt und sich unter der unbeschreiblichen Last der Metamorphose gewunden. Er hatte ihr einen friedvollen Abschied gewünscht, ein schöner Traum, nichts weiter als eine Utopie. Schlussendlich war sie zu einem von ihnen geworden, einer dieser leeren Kreaturen, dieser Kanibalen, die wie Bluthunde jeder Menschenseele nachstellten, die ihren Weg kreuzte. Unter Tränen hatte er sie davon befreit, ein Geschenk, das er nicht empfangen würde.
Ihm wurde schwindlig, sein Gesicht flau, eine feinblaue Marmorierung überzog ihn und der Fleck an der Decke, der ihm seit Tagen als einziger Fixpunkt gedient hatte, waberte gummiartig durch sein Blickfeld. Mit jedem matten Blinzeln verkleinerte sich seine Sicht, raste durch einen endlosen Tunnel in die von silbernen Schlieren unterbrochene Dunkelheit. Viel zu schnell, dachte er, es geschah viel zu schnell! Panisch versuchte er sich an den Bildern festzuklammern, die im Blitzlichtgewitter seins Gehirn verpufften. Wellen brandeten an sein Gehör, hüllten ihn in ein Rauschen, das sich im holprigen Takt seines Herzschlags durch seinen Verstand schlängelte, Erinnerung um Erinnerung auffraß, bis alles verschwand. Unaufhaltsam fiel er hinab, die Fäden, die ihn im Leben hielten, rissen.

Als er aufwachte stemmte er die Handflächen auf das Bett und schoss hoch. Er hatte vor, sich … Hatte vor sich zu … Sein Rücken, die Hüfte waren bis auf die Knochen durchgescheuert. Er registrierte es nicht, stattdessen rutschte er grunzend zur Kante, stellte die Füße auf den urinnassen Teppich und hievte sich auf die Beine, bevor er nach vorne torkelte. Das gekippte Fenster lockte ihn geradezu an, dahinter roch es nach … Ein Fragment seiner Vergangenheit flimmerte auf, er wusste nicht, was es war, aber es lag ihm auf der Zunge. Sein Nacken krampfte, als schüttelte er den Kopf, da stieg ihm erneut dieser Duft in die Nase, lenkte ihn ab von … Von was? Er ächzte tonlos, krallte die Fingernägel und kratzte sich damit von den Schläfen über die Wange bis zur Brust. In ihm loderte Hunger, eine regelrechte Fressgier breitete sich in seinen Gedärmen aus. Irgendetwas war da, ein Funken vielleicht, ein Gedanke, der sich unmöglich einfangen ließ. Könnte es sein … Womöglich … Das Aroma war überwältigend, ihm wollte einfach nicht einfallen, woher es ihm bekannt vorka… Was war noch gleich? Frustriert stolperte er einige Schritte zurück, dann wieder vor. Eine Frau erschien ihm, ein Geist oder … Er schlug gegen die Scheibe, prallte ab und knurrte missmutig, ehe er ein zweites Mal dagegen lief. Ja, er hatte es vergessen. Was … Wen hatte er vergessen? Der Geruch übertünchte jede Eingebung, jede noch so geringe Chance, sich seiner selbst zu entsinnen. Wiederholt donnerte seine Schulter gegen das Panzerglas, er musste da raus, der Gestank von durchblutendem Fleisch rief ihn geradezu. Hunger, da war nichts mehr außer dem Hunger.

Autorin: Rahel
Titelvorgabe: In Extremis
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