Familie Fröhlichs Farnfarm

„Wir werden es dieses Jahr schwer haben, die Quote zu erreichen“, murrte Ferdinand, der sich im Gewächshaus umsah. In dem humiden Klima standen Farne aufgereiht so weit das Auge reichte. Franziska, seine Frau, pflichtete ihm bei: „Ja, die Spinnmilbenplage hat den Farnen ordentlich zugesetzt. Na ja, wenigstens haben wir guten Dünger.“
Bevor ihr Mann antworten konnte, klingelte das Handy, das er nach einigem Wühlen in der Jackentasche zutage brachte. „Familie Fröhlichs Farnfarm, Ferdinand am Fernsprecher.“ Er lauschte der Stimme am anderen Ende, bis er schließlich meinte: „Fritz ist noch in der Schule, er darf nachher gern zum Spielen vorbeikommen.“ Wartend piekte er einen Schwertfarn mit dem Finger. „Super, bis dann!“
„Das war Fey von den Fahrnis, oder?“
„Ja. Fritz kann heute Abend mit deren Jungs spielen.“
„Du solltest echt aufhören, ‚Fernsprecher‘ zu sagen.“ Franziska schob die leicht beschlagene Brille auf ihrer Nase zurecht. „Immerhin leben wir im einundzwanzigsten Jahrhundert.“
„Ich weiß, ich weiß. Die Gartenhipster finden das sicher lustig, weil es auch mit einem ‚F‘ beginnt und Vintage klingt.“
„Vielleicht“, gab sie zurück und konnte ein Kichern nicht unterdrücken. „Aber du findest es am lustigsten von allen, Farn-Farmer Ferdinand Fröhlich.“
„Freilich, Franziska“, gluckste er.
Grinsend knuffte sie ihren Mann in den Oberarm. „Ach, halt die Klappe!“
Damit gingen beide wieder an die Arbeit, untersuchten Farnstaude um Farnstaude auf Schädlinge. Aus einem entfernten Radio dudelte dazu ein Rock-Klassiker, begleitet von den Regentropfen, die auf das Glasdach prasselten.

Es war spät in der Nacht, die Farne im Dunkel kaum zu erkennen, als Ferdinand barfuß durch einen der Gänge marschierte. Wie üblich, wenn er nicht schlafen konnte, spazierte der stämmige Mittvierziger in seinem blau-gestreiften Pyjama durch die Farnfarm. Im Gegensatz zu draußen war es angenehm warm und zudem hatten die unzähligen Farne eine besänftigende Wirkung auf ihn. Farne waren sein Lebenswerk, seine große Leidenschaft, seit seiner Kindheit umgab er sich mit Farnen. Obschon Franziska die Farm ebenfalls mochte, war er es gewesen, der sie regelrecht zum Farn-Farmen gedrängt hatte. Sanft strich er mit seiner Handfläche einer Reihe Frauenhaarfarn entlang und glaubte zu fühlen, wie der Farn ihn zurückstreichelte. Gäbe es auf dieser Erde einen Menschen, der den Titel „Farnflüsterer“ verdiente, dann Ferdinand. Noch nie war ihm eine der heiklen Pflanzen eingegangen, ja, es war, als könne er mit ihnen kommunizieren. Selbstverständlich entsprach das nicht der Wahrheit, das wusste er. Trotzdem, gerade wenn er mit den Farnen alleine war …
Ein Flüstern störte die innere Ruhe. „Ein Farn?“, murmelte Ferdinand geistesabwesend. Vorsichtig ging er vorwärts, bis er durch einige Lücken in den Blättern zwei Teenager entdeckte. Natürlich. Enttäuscht ließ er den Kopf hängen. Klar, Farne konnten nicht sprechen und Halbwüchsige stiegen in Gewächshäuser ein, um an Marihuana zu kommen. Keine Neuigkeiten für Ferdinand, aber man durfte ja wohl noch hoffen. Dennoch war sein Interesse geweckt, also schlich er den beiden Jungs hinterher. Ihm war unwohl, Besucher dieser Sorte zu haben, doch so lange sie die Farne in Frieden ließen, hatte er nicht vor, etwas gegen die Frechdachse zu unternehmen.
„Sag mal, was für Zeug baut dieser Depp eigentlich an?“, zischte der kleinere Teenager, was sein Kumpan mit einem gleichgültigen Brummen beantwortete. „Was weiß ich, Fingerhut? Irgend so ein Grünzeug, jedenfalls kein Gras.“ Damit riss er ein Blatt eines mächtigen Nestfarns ab und hielt es unter die Nase. „Nee, kannste nicht rauchen.“
Nun waren sie zu weit gegangen – niemand, wirklich niemand, tat seinen Farnen weh! „Holt sie euch, sie sind Freiwild!“ brüllte Ferdinand mit Feuereifer. Sogleich schritten die Farne ans Werk und rächten ihren Artgenossen. Ein Geweihfarn stieß mit seinen Hörnern zu, durchbohrte das Herz des Größeren, während ein Schwertfarn blitzschnell wuchs und die Haut des Anderen durchschnitt. Ein Topf mit einem Nestfarn kippte vom Regal und erschlug den mit den Schnittwunden, ehe seine Blätter ihn zu kleinen Stückchen zerhackten, derweil erstickte ein starker Frauenhaarfarn den anderen unter seinen zarten Wedeln. Wenige Sekunden später war alles vorbei.
Aufgewühlt hastete Ferdinand zum Schauplatz des Massakers und hob den zersplitterten Topf auf. Mit einem beruhigten Seufzer stellte er fest, dass alle Farne unversehrt waren. „Du meine Güte, ich hatte kurz Angst um euch, meine Lieben.“
Nachdem er seine Erleichterung kundgetan hatte, räumte Ferdinand die Sauerei auf. Einzig die Leiche des Teenagers, der nicht zerstückelt worden war, machte ihm zu schaffen, weil seine Gartenschere ein wenig stumpf war.

Einige Sonnenstrahlen brachen durch die Wolken und obwohl Ferdinand nach der durchwachten Nacht müde war, schlenderte er zufrieden pfeifend zwischen den Regalen und prüfte die Pflanzen auf gelbe Blätter.
„Du, Ferdinand“, sagte Franziska, die eben eine Gießkanne abstellte: „Liegt es an mir oder sehen die Farne heute besonders grün und stark aus?“
Ferdinand kratzte sich an den Bartstoppeln. „Das muss am Dünger liegen. Ich konnte letzte Nacht wieder nicht schlafen und habe ihnen ein bisschen was von ihrem Lieblingszeug gegeben. Das mögen sie besonders gerne.“ Ein Windstoß bewegte ein Blatt eines Wurmfarns vor dem Eingang – ganz so, als winkte er ihm verschwörerisch zu.

Autorin: Sarah
Titelvorgabe: Familie Fröhlichs Farnfarm
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