Fan-Bonus | Frieden

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.
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Schwer atmend hält Timo inne, stellt seinen Trekkingrucksack auf den Boden und sieht sich auf den Geröllabhang um: Über und unter ihm, links und rechts, für hunderte Meter, womöglich Kilometer, nichts als flächiges Grau, gespickt mit Gesteinsbrocken. Ein Blick auf seinen Chronometer verrät ihm, dass das Mittagessen ansteht: Die Uhrzeiger stehen auf halb [passster password=“rE498-4721dsf“] Eins. Zufrieden mit der Strecke, die er schon zurückgelegt hat, setzt Timo sich hin und kramt im Rucksack nach einem Sandwich. Erst beim dritten Anlauf ertastet er das Ding in den Tiefen des Gepäckstücks und bringt ein halbes Baguette mit Käse, Gurke, Tomate und Ei, wie es ausschließlich Bäcker Kurt machen kann, zum Vorschein. Niemand kann Kurt das Wasser reichen, wenn es um Sandwiches geht, das ist klar. Nein, das wird dem Bäckermeister nicht gerecht, befindet Timo. Kurt ist der Großmeister alles Sandwichproduzenten. Gäbe es Sandwich-Dojos, wäre seines das Beste. Mit einem amüsierten Grinsen wickelt Timo seinen Proviant aus dem Papier und nimmt einen herzhaften Bissen. Über ihm kreisen Steinadler, vielleicht eifersüchtig auf das einfache Mahl, vermutlich selbst mit der Jagd beschäftigt. Unter ihm liegt das grüne Tal, in dem sich die Bäume bereits herbstlich verfärbten. Nur der Fichtenwald direkt neben der Halde hat offenbar unter dem Borkenkäfer und dem letzten Wintersturm gelitten. Letzten Frühling wirkten die Tannen gesünder, sinniert er, der nunmehr in der Mitte seines Baguettes angelangt ist. Mit etwas Glück erholt sich der Wald in einigen Jahren oder Jahrzehnten, zumindest entdeckt Timo schon einige junge Triebe, dem Wachstum steht nichts im Weg. Weit unter sich tuckert ein Zug langsam durch die Landschaft und hält auf einen Bahnhof zu. Hier oben hat es Sabine gefallen, damals, als er sie auf ihre langen Wanderungen begleitete. Idyllisch hat sie die Gegend genannt, ihr kleines Paradies. Er dagegen kämpfte meist zu sehr mit seinem Asthma, um die Aussicht zu genießen. Nun ist er alleine unterwegs, einzig der Trekkingrucksack seiner Frau begleitet ihn.
Mit einem Schnauben schluckt er den letzten Bissen herunter, lauscht dazu dem Krähen der Bergdolen, das von der Felswand widerhallt. Ihm kommt die Landschaft mehr karg statt idyllisch vor, aber er ist auch der Geradlinie in ihrer Beziehung gewesen, nicht der Schwärmer. Naja, außer für die Sandwiches des lokalen Bäckermeisters, die himmelt er seit jeher an. Sie dagegen sah stets im Kleinen das Gute, hat an hoffnungslosen Fällen festgehalten. Sogar dem sterbenden Efeu versuchte sie mit der Sprühflasche neues Leben einzuhauchen, manchmal mehr, manchmal weniger erfolgreich. Timo gluckst leise, erinnert sich gerne an den halbtoten Efeu. Seine Frau hat sich derart aufopfernd um die Zimmerpflanzen gekümmert, als wären sie die Geschwister des nun knapp dreißigjährigen Bruno. „Hätte nie damit gerechnet, sie vor der Rente zu verlieren“, murmelt Timo, knüllt das Sandwichpapier zusammen und verstaut es im Rucksack. Siebenundfünfzig würde Sabine heute, wenn … Nein, an die letzten Monate will er nicht denken, weder an die Schmerzen, noch an die Absage der Krankenversicherung, die experimentelle Therapie zu bezahlen. Das kann er sich morgen antun, in diesem Augenblick, am Lieblingsort seiner Gattin, geht es allein um das die positiven Seiten des Lebens. Bedächtig zündet Timo eine Zigarette an und bläst den Rauch in die frische Bergluft. Touristen, die sich über die Qualmerei beschweren könnten, sind keine da, wie meistens in der Zwischensaison. Die Besucherzahlen sinken ohnehin, seit Sabine nicht mehr die Werbung fürs Tourismusbüro macht. Noch hängen im Dorf einige ihrer Plakate, ein Andenken an eine Zeit, in der alles gut war, an damals, als seine Welt noch kein Scherbenhaufen war. Nach und nach wird ihre Arbeit allerdings von neuem, grauenhaftem Werbematerial ersetzt. Nachdenklich mustert Timo die wenigen Pflanzen, die zwischen dem Geröll sprießen. Disteln, Steinbrech, stur trotzen sie jedem Widerstand, genau, wie sie es getan hatte, bis die Krankheit letztendlich gewann. Und jetzt sitzt er hier und zögert das Unabwendbare heraus.
Timo drückt seine Kippe aus, packt sie in eine alte Bonbon-Dose, die als Aschenbecher dient und seufzt. „Wie macht man sowas? Ich kenne das nur aus den Filmen.“ Vorsichtig zieht er die Urne hervor und platziert sie neben sich auf den Boden. Er schiebt einen Stein darunter, damit sie sicher steht und starrt anschließend auf das Gefäß. Das letzte Mal genießt er an der Seite seiner Frau die Aussicht. Er glaubte nie an Seelenverwandte, ist kein Freund von spirituellem Mist, doch die Ehe mit seiner Schulhofliebe war und ist etwas anderes. Sie hätte bis ans Lebensende gehalten, funktionierte einfach. Mit dem Lebensende hatte er nicht so früh gerechnet, hatte sich auf die Rente gefreut, Freizeit, die man im Garten unter dem Sonnenschirm verbringt …
„So ist das Leben halt“, brummt er traurig. Diesen einen letzten Tag zusammen, wenn auch lediglich symbolisch, verdient sie, er ebenso. Der letzte Tag, ja, das ist er tatsächlich, denn er ist nicht bereit, ohne sie weiterzumachen. Nichts ergibt Sinn, nichts ist, wie es sein soll. Vor einer Woche entschloss sich Timo dazu, nie wieder in ein leeres Haus zurückkehren, vorher will er aber eine offene Rechnung begleichen. Es ist irgendwie poetisch, findet er, der Dünger, mit dem Sabine seine geliebten Pflanzen pflegte, wird ihm bei der Rache helfen. Mit der Anleitung aus dem Internet hat er Sprengstoff hergestellt, in ihren Trekkingrucksack gepackt und morgen würde er diesen schultern, in die Stadt fahren und der Krankenkasse einen Besuch abstatten. Es war zu wenig, um großen Schaden anzurichten oder jemanden mitzunehmen, bloß genug für eine abschließende Botschaft an die Menschen, die ihr letztes Gesuch für eine Kostenübernahme abgelehnt haben. Wenn Bruno das Haus erbt, wird er eine Menge Zimmerpflanzen haben, ein letztes Stückchen seiner Mutter. Timo lächelt bei dem Gedanken.

Autorin: Sarah
Setting: Geröllabhang
Clues: Uhrzeiger, Sprühflasche, Borkenkäfer, Wachstum, Werbung
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