Der Himmel ist ein Spinnennetz

Vorsichtig linst Martin durch den Türspalt des gedeckten Güterwagens und schaut sich auf dem Güterbahnhof um. So weit das Auge reicht erstrecken sich Gleise über das Gelände, reflektieren das schaurig mondähnliche Licht aus dem Himmel. Bislang ist niemand zwischen den abgestellten Zügen aufgetaucht. „Scheiße“, seufzt der unrasierte Mann, zieht die Tür des Wagens zu und sperrt den spätherbstlichen Frost aus. Dann starrt er erneut ins Nirgendwo des unbeladenen, nur von einem durch die Ritzen dringenden Schimmer erleuchteten Waggons, und geht im Kopf die Vorräte in seinem Trekking-Rucksack durch. Viel Essbares hat er nicht übrig, bald muss er sich auf den Weg machen, um Nachschub zu besorgen.
Es begann vor einem Monat– wenigstens vermutet er das, denn sämtliche Uhren, alle elektronischen Geräte versagten damals zeitgleich. Martin, auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, steckte zusammen mit tausenden Leidensgenossen im Stau fest. Mit dem, was danach kam, will er sich nicht auseinandersetzen. Das Unbeschreibliche, es kehrt stets zurück, egal wie sehr er es ignoriert. Es ist omnipräsent, im Himmel über ihm, um ihn herum, in seinem Verstand. Zitternd erstastet Martin den Rucksack, er kennt das Prozedere zu Genüge, schafft es mühelos im Dunkeln. Den Schlafsack auspackend kämpft er gegen die Erinnerung an. Vergeblich.
Einem Spinnennetz ähnlich, breitete sich das Licht in Sekundenschnelle aus, völlig verwirrt verließ er sein Auto, flüchtete in ein zu seinem Glück unabgeschlossenes Trafohäuschen am Rand der Autobahn. Es dauerte lediglich einen Wimpernschlag. Ein Blitz, ein knisternder Knall, gefolgt von penetrantem Ozongeruch und die Welt war leer.
Fröstelnd wickelt sich Martin in den Schlafsack, die Kälte der Luft widerspiegelt die Kälte, die er seit einem Monat andauernd empfindet. Er befürchtet der letzte seiner Art zu sein, zumindest hat er in der Gegend nicht eine Seele getroffen. Kein Wunder, wenn er bedenkt, was er nach dem Knall antraf. Er kann bloß spekulieren, was ihn vor dem Schicksal bewahrte, das die Menschheit heimsuchte. Vielleicht wurde er vom Transformator im Trafohäuschen geschützt? Eventuell elektromagnetische Wellen? Oder es war purer Zufall. Er war ahnungslos. Eine göttliche Fügung hält er für unwahrscheinlich, der Allmächtige würde niemals einen Typen retten, der seine Arbeitstage damit verbrachte, anderen am Telefon vom neusten DSL-Vorzugspaket zu erzählen. Was er erblickte, als er aus dem Trafohäuschen trat, begleitet ihn bis heute und kann er sich schlecht erklären.
Statt Menschen waren Häufchen von perfekt geschnittenen Fleischwürfeln mit jeweils fünf Zentimetern Kantenlänge auf dem Boden verteilt. Die Atmosphäre fühlte sich aufgeladen an, wie vor einem Gewitter, und die Spannung war nie verflogen. Bei Regen, bei Sonnenschein, der verhängnisvolle Vorfall hält ihn in seinem Bann. Panisch versuchte Martin möglichst schnell zu seiner Familie zu gelangen – weder Autos noch Motorräder funktionierten. Also ging er zu Fuß und fand den Vorort, in dem er gelebt hatte, im selben Zustand an. Überall lagen die Fleischpuzzles herum. Auf dem Bürgersteig, in seinem Einfamilienhaus vor dem Kochherd, in der Schule seiner Tochter …
Die Bilder wabern in seinem Geist, Martin würgt und unterdrückt einen Schluchzer. Im Laufe der Zeit begriff er, wie einsam er wirklich ist – außer ihm stehen einzig Pflanzen weiterhin, als sei nie etwas geschehen. Selbst in einem Vogelnest entdeckte er eine kleinere Ausführung der grausigen Würfel. Die Fleischhaufen verrotten langsam, ohne Maden, ohne Fliegen. Und ohne Insekten blieben im nächsten Jahr auch die Blumen unbestäubt. Abermals drängt Martin die Gedanken beiseite, will frei davon einschlafen, allerdings hindern ihn die Eiseskälte und die statische Ladung daran. Er glaubt, seine Härchen stellen sich auf.
Das Spinnennetz aus weißen Lichtfäden bleibt unverändert, ab und zu bemerkte er einen Energie-Trichter, der aus dem Himmel zuckte und sogleich wieder verschwand. Erst bei dritten Mal war er nahe genug herangekommen, um die scheußliche Realität dahinter zu erkennen – an der Stelle, die der Trichter berührt hatte, lag ein weiteres, frisches Fleischpuzzle. Irgendwann gab es keine Trichter mehr und er möchte nicht darüber nachdenken, was das bedeutet. Wieso der Tod von oben bei ihm eine Ausnahme macht, ihn ohne Gesellschaft mit der ekligen Gänsehaut im Nacken zurücklässt, ist ihm ein Rätsel.
Martin zündet seine letzte Zigarette an. Er ächzt, nimmt einen tiefen Zug, verschluckt sich und unterdrückt einen Hick. Gerade als die ersten Tränen auftauchen, er in Anbetracht seiner Zukunft in Isolation resigniert, hört er Schritte zwischen den Wagen hallen. Erst ungläubig, dann hoffungsvoll, ruft er: „Hallo?!“ Dass die Person eine Bedrohung für ihn sein könnte, kann Martin nicht wahrhaben, er schält sich aus dem Schlafsack und packt das Tor. Endlich, ein anderes menschliches Wesen, Gesellschaft! „Hallo“, brüllt er ekstatisch vor Freude. „Hallo, hallo, ich bin hier!“ Durch die Spalten des Güterwaggons leuchtet ein Blitz auf und kaum hat er das Tor aufgeschoben, sieht er die Würfel zwischen den Gleisen liegen.
„Was auch immer du bist, setz dem ein Ende!“, schreit Martin zum Himmel. „Komm schon, hol mich auch!“ Die Luft flimmert elektrisch, doch er bekommt keine Antwort.

Autorin: Sarah
Setting: Güterbahnhof
Clues: Vogelnest, Vorzugspaket, Hick, Spinnennetz, Trichter
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