Venus auf Eis

„Ist die neu?“, fragte Phillip auf ein abstraktes, rot-grünes Gebilde zeigend. Mittlerweile hatte er sich an das feuchtwarme Klima in Marios Kinderzimmer gewöhnt, als er es das erste Mal betrat, wäre er allerdings am liebsten gleich rausgerannt.
„Nein, die ist gewachsen. Es ist eine Darlingtonia californica“, erklärte der Elfjährige geduldig. Wahrscheinlich hatte er ihm diese sowie alle anderen Pflanzen, die auf dem Regal vor dem Fenster aufgereiht waren, bereits mehrfach vorgestellt. „Sie wird auch Kobralilie genannt, weil das ausgewachsene Exemplar wie eine Kobra in Angriffsstellung aussieht. Sie ist echt heikel, ich hoffe sie überlebt.“ Mario lachte, schaute anschließend besorgt auf das Pflänzchen.
„Wird schon“, gab schulterzuckend Phillip zurück und betrachtete das unterste Regalbrett, auf welchem sein liebstes von Marios kuriosen Gewächsen stand. „Ich mag diese da, die auf den Eiswürfeln.“
„Die rote Venus.“ Sich vorbeugend legte Mario sein Handy beiseite und meinte: „Dionaea musicipula, die Züchtung heißt „Clayton’s red sunset“. Die muss im Hochsommer auf Eis. Die ganz hohen Temperaturen findet sie nicht cool.“
„Aha“, kicherte der andere gelangweilt, verlor langsam wieder das Interesse am Hobby seines besten Freundes.
„Das ist voll lustig“, gluckste Mario, richtete sich auf und deutete in die andere Zimmerecke auf einen Bücherstapel. „Auf der Venus ist es immer heiß, dieser Venusfliegenfalle ist aber alles über fünfundzwanzig Grad zu viel.“ Er war ein seltsamer Typ und manchmal war es war es Phillip heute noch peinlich, mit ihm auf dem Schulhof gesehen zu werden. Jeder dachte, er sei ein Nerd und irgendwie hatten sie recht damit. Seine Leidenschaft für fleischfressende Pflanzen, sein Faible für Technik und die nervige Marotte, sich im Unterricht ständig zu melden, waren für seinen Ruf als Sonderling natürlich wenig förderlich und machten ihn zum perfekten Mobbingopfer. Am Anfang hing Phillip zugegebenermaßen bloß mit Mario rum, weil der eine PlayStation hatte und ihn nicht nur zusehen, sondern tatsächlich spielen ließ. Bald verstand er, war für ein prima Kerl der dürre Nerd eigentlich war. Einer, der ihn nie für seine ausgelatschten Sneakers oder den uralten iPod auslachte, einer, der statt Spott Empathie für ihn hatte und der flugs zu seinem besten Freund geworden war. Genau deshalb wollte er ihm helfen. „Revanche?“
„Klar, du schlägst mich sowieso nicht“, frotzelte Mario, gab dem Schreibtischstuhl einen Schubs und setzte sich vor den Fernseher.
„Halt die Klappe und lad das Game“, motzte Phillip, dabei machte es ihm nichts was aus, in jedem Videospiel chancenlos gegen seinen Kumpel zu sein. Immerhin hatte er im Sportunterricht die Nase stets vorn. Kaum plumpste er neben seinem Spielgegner auf den Teppich, musste er wegrücken, denn es klopfte an der Tür und Marios Vater streckte seinen Kopf rein.
„Hey Jungs, darf ich rasch stören?“ Phillip hätte gerne einen Vater wie Herr K. Oder halt irgendeinen. „Es geht um morgen. Ich habe Arbeit mitgenommen und …“
„Echt jetzt, Dad?“ Mario pfefferte seinen Controller auf die Couch hinter sich und hätte fast ein Saftglas auf dem Tischchen erwischt. „Kannst du wenigstens an meinem Geburtstag nicht arbeiten?“
„Bevor du dich aufregst, wieso lässt du mich nicht ausreden?“ Milde lächelnd sah er seinen Sohn und Phillip an. „Darf ich?“ Mario schnaubte, ehe er nickte. „Also, ich stehe früher auf, erledige, was zu erledigen ist, um Acht komm ich euch wecken und ihr frühstückt erstmal. Wenn eure Samstagmorgen-Cartoons fertig sind, bin ich bestimmt durch. Okay?“
„Von mir aus.“ unbeeindruckt vom Plan seines Vaters verdrehte der Junge die Augen, als dieser anfügte: „Ich müsste auf dem Weg in den Botanischen Garten einen Zwischenstopp im Büro einlegen. Ich spendiere euch dafür ein Erdbeertörtchen.“

„Die sind alt, die schlafen ganz sicher“, beruhigte Phillip den Gleichaltrigen. „Sei nicht so eine Memme, ich mach das andauernd.“ Mario stellte eben die letzte seiner komischen Pflanzen auf die Kommode, sodass sie das Regal beiseiteschieben und das Fenster öffnen konnten. Phillip hatte die Zigaretten schon vor einer Weile aus der Tasche seiner Mutter geklaut. Vermutlich hätte es die Säuferin nicht einmal gemerkt, wenn er sich während dem Abendessen eine angesteckte. Er kletterte aufs Vordach, wartete kurz und rief schließlich: „Kommst du?“ Keinem der beiden Jungen war danach, dieses eklig riechende Zeug zu inhalieren, aber endlich gab es eine Gelegenheit Marios Ansehen in der Klasse zu verbessern.
„Du glaubst, das funktioniert?“, wollte dieser wissen und kniete zögerlich aufs Fensterbrett.
„Ja, garantiert. Wir üben jetzt und sind am Montag die einzigen, die nicht husten und dann lachen sie dich nicht mehr aus.“ Mit etwas Glück würden seine eigenen Rauchkünste davon ablenken, dass er nie mit auf Klassenfahrt konnte, weil seine Mutter kein Geld dafür hatte. Mario sprang ihm hinterher, sie machten es sich bei der mit Laub verstopften Regenrinne gemütlich und Phillip schüttelte eine Zigarette und ein kleines Feuerzeug, auf dem eine nackte Frau abgebildet war, aus dem Ärmel seines Schlafanzugs. „Stell dir einfach vor, du atmest Tafelkreide ein, wenn du wie ein Streber für Frau Schönfritz aufräumst.“
„Arschloch.“
Phillip zündete den Glimmstängel an, nahm einen tiefen Zug und kämpfte gegen den ersten von vielen Hustenkrämpfen. „Das ist scheiße“, stellte er keuchend fest und reichte die glühende Kippe an den anderen weiter, der sie angewidert zwischen zwei Fingern von sich wegstreckte.
„Phillip“, begann Mario, hielt inne und blickte durchs Fenster auf seine deplatzierten Pflanzen. „Der Besuch im Botanischen Garten ist das Highlight des Sommers.“
„Ja, und?“, wunderte sich Phillip.
„Es ist halt so, ich bin ein Botanik-Nerd. Was nützt es da, ein rauchender Botanik-Nerd zu sein.“ Damit schnippte er die Zigarette über den Rand des Daches und stand auf. „Revanche?“

Nach einer hitzigen Diskussion und einem neuerlich verlorenen Kampf gegen Marios Fingerfertigkeit am Controller, gingen die beiden Jungen schlafen. Selbstverständlich hatte sich Phillip über seinen Freund geärgert und versucht, ihn von seiner Idee zu überzeugen. Doch Mario weigerte sich, fest entschlossen, ewig ein Streber zu bleiben. Phillip konnte ihn ja schlecht zwingen, ein Schläger war er nämlich nicht.
Es war etwa halb vier Uhr, als Phillip hochschoss und sich instinktiv die Hand über Nase und Mund drückte. Erst dachte er, sich verschluckt zu haben, bis er das brennende Beißen in seiner Luftröhre wahrnahm. Das müssen die Nachwirkungen der Zigarette sein, überlegte er, da verselbstständigte sich sein Körper, er nahm einen heftigen Atemzug und hustete so stark, dass er sich übergab. „Es brennt“, stieß er aus und wiederholte so laut er konnte: „Es brennt!“ Ruckartig schlug er die Decke zurück, packte das Besucherkissen und drückte es sich aufs Gesicht. Aus dem Flur war heiseres Brüllen zu vernehmen, irgendwo schepperte es und ein schrilles Piepsen übertönte beinahe das Rauschen der Flammen. „Es br… brennt“, presste Phillip verzweifelt an Mario rüttelnd hervor. Dieser wollte nicht aufwachen, egal wie heftig er schüttelte. Seine Arme wurden müde, seine Gedanken schmolzen unter der Hitze regelrecht dahin und er rutschte vom Bett. Auf dem Boden kauernd sah er zu Marios bizarren Pflanzen, streckte die Finger nach seiner liebsten aus. „Clayton’s red sunset“, fiel ihm ein. Die Venus, die Eis braucht, lag in einer Pfütze.

Autorin: Rahel
Setting: Kinderzimmer
Clues: Erdbeertörtchen, Tafelkreide, Empathie, Saftglas, Highlight

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