Silberner Herbst

RahelAutorin: Rahel
Setting: Steiermark
Clues: Pausenglocke, Menüplan, Neoklassizismus, Parawan, Zerstörungswut
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Saftig waren sie, die Wiesen und Hügel, bevor mit dem Sommer auch das Strahlen ihres Grüns verschwand und sich Tristesse und Regen über die neue Farbgewalt der Bäume legte. Durch die Lautsprecher des altersschwachen Radios ist Rachmaninows Prelude in G-Moll zu hören und für einen flüchtigen Augenblick fühlt sich Mona wie in einem Konzertsaal, so als könnte sie das Vibrieren der kurz angeschlagenen Töne des Flügels auf ihrer Haut fühlen, doch es war bloss die bissige Brise, die sie wachzurütteln versucht. Schwermütig stösst sie sich vom einfach gezimmerten Balkongeländer ab und kehrt der Landschaft in Ockergelb und verbranntem Orange den Rücken zu, um zurück ins Hotelzimmer zu gehen. Das süssliche Parfüm ihrer Grossmutter, welches unzählige Kindheitserinnerungen in ihr aufflackern lässt, durchdringt den vollgestellten Raum und erfüllt sie mit einer wohltuenden inneren Ruhe. Sie setzt sich hin und wartet bis es Nacht wird, währendem das Piano unermüdlich weiterspielt.

Vor vier Tagen waren die beiden Frauen hier angekommen. Der freundliche Portier hatte ihre überladenen Koffer durch den Flur geschleppt, ihnen eine Informationsbroschüre und den laminierten Menüplan beinahe feierlich überreicht und sich mit etwas, das ausgesehen hatte wie ein höfischer Knicks, verabschiedet. Die Pension in der Steiermark war im Grunde einfach und bodenständig, doch der Familienbetrieb wusste, wie er seine vorwiegend älteren Gäste umwerben konnte und so war Mona nicht überrascht gewesen, dass ihre Grossmutter erneut hierhin verreisen wollte. Ihre Versuche, die alte Dame doch noch von einem anderen Reiseziel zu überzeugen, hatte sie schnell aufgegeben und die lange Fahrt ohne sich zu beschweren in Kauf genommen. Sie hatte ihre Oma noch einmal lächeln sehen wollen, auch wenn sie dabei selbst der Trauer zu verfallen drohen würde. Die resolute ältere Frau mit ihren langen grauen Haaren, war Mona immer ein Vorbild gewesen, hatte sie Unerschrockenheit und Hartnäckigkeit gelehrt und nun war sie dabei, sich in den unzähligen Ängsten des Alters zu verlieren. Es hatte unmerklich angefangen und lange gedauert, bis Mona es nicht nur gesehen, sondern auch geglaubt hatte und seither war alles aus dem Gleichgewicht geraten.

Liesbeth ächzte unterdrückt, als sie sich auf das viel zu weiche Bett setzte und nach ihren Socken griff, die hinter ihr auf dem Kissen lagen. „Was willst du essen?“, fragte sie schliesslich und Mona musste sich zusammennehmen, um nicht mit den Augen zu rollen. In der letzte Zeit drehten sich die Tage der alten Dame nur noch ums Essen, alles wurde nach den Mahlzeiten ausgerichtet und obwohl Mona wusste, wie wichtig diese täglichen Fixpunkte für ihre Oma waren, hatte sie so langsam die Nase voll von Gesprächen über Hohrückensteaks, Knödel und panierten Fisch. Durch das geöffnete Fenster drang der Duft der feuchten Erde und während sie in Eile Mascara auftrug, stapfte Liesbeth schon ungeduldig über den gemusterten Teppich. „Kommst du endlich?“, drängelte sie, in der Angst sie würden das Abendbuffet verpassen und auch der Hinweis darauf, dass sie noch über drei Stunden hätten, wollte sie nicht beruhigen. Also legte Mona ihr Schminkzeug auf die Ablage, schob den Parawan beiseite, schlüpfte rasch ihn ihre Schuhe und wandte sich zum Gehen, doch bevor sie die Türklinke zu fassen bekam, nahm Lisbeth ihre Hand und sagte mit einem fröhlichen Gesichtsausdruck: „Du siehst hübsch aus.“

Früher war nie etwas gut genug gewesen. Egal was Mona getan hatte, ihre Grossmutter hatte sie immer getadelt und ihr vorgehalten, sich nicht zu Genüge bemüht zu haben. Jede Entscheidung, die sie getroffen hatte, war von Lisbeth angezweifelt oder gar als dummer Fehler beschimpft worden, doch Mona hatte sich schon früh an die ständige Kritik ihrer gehässigen Oma gewöhnt gehabt. Sie war immer der Meinung gewesen, dass Liesbeth ihr damit ihre Liebe hatte zeigen wollen, dass jede noch so gemeine und boshafte Beschimpfung im Grunde nichts weiter war, als die unbeholfene Art ihr zu verstehen zu geben, dass jemand an sie glaubte – selbst dann, wenn sie Fehler machte.
„Danke“, entgegnete sie schlussendlich traurig und fügte gespielt heiter hinzu: „Du siehst auch wundervoll aus, Oma. Wollen wir?“

Der Speisesaal erinnerte sie an die Prunkbauten des Neoklassizismus, so als würden sie im Hotel Adlon und nicht in einer kleinen Familienpension residieren und sie war erstaunt, wie festlich die Gäste gekleidet waren, hatte sie doch die meisten bisher bloss in Wanderhosen und T-Shirts gesehen. „Wie schön“, schmachtete Liesbeth selig, bevor sie gleich dazu überging, die Speisekarte peinlich genau zu studieren und sorgfältig abzuwägen, welches Menü ihr wohl am besten bekommen würde. Mona bestellte den Zander mit Pellkartoffeln und Liesbeth die Tagesspezialität, währendem der Pianist sich mit Beethovens Mondscheinsonate abquälte und ihr Sitznachbar sie mit Geschichten aus seinem Leben langweilte, so dass Mona sich wünschte, sie würde wie früher in der Schule von der Pausenglocke aus einer zähen Unterrichtsstunde gerettet.

Die durchweg höflichen Gesten ihrer Grossmutter, ihr fröhliches und zugängliches Lächeln und die unbeschwerte Offenheit, mit der sie sich mit dem Fremden unterhielt, erschienen Mona unwirklich, so als sässe sie neben einem Menschen, den sie gerade erst kennen gelernt hatte. Da waren keine spitzen Bemerkungen zu der schlecht sitzenden Krawatte, keine Vorträge darüber, wie man sich zu Tisch zu verhalten hatte und keine hinterhältigen Versuche, sie als ewige Alleinstehende mit einem reichen älteren Herrn zu verkuppeln; da war nichts von alledem, nur freundliches Geplauder. Mona fühlte wie die Zerstörungswut, mit welcher sie auf ihre Hilflosigkeit angesichts des stetigen Zerfalls ihrer Grossmutter reagierte, aufschäumte und begann damit, unter dem Tisch ihre Serviette in tausend Stücke zu zerpflücken.

„Schlaf endlich, sonst siehst du morgen wieder müde aus und ich will mich nicht für dich schämen!“ Der Flügel verstummt und lässt Mona in kalter Einsamkeit zurück, so als sässe  sie in einem leeren Konzertsaal, mit nichts als dem Echo ihres eigenen Herzschlages. Die Luft ist frischer geworden und langsam erwacht sie aus der lähmenden Apathie, währendem die warmen Herbstfarben vom Dunkel der sternenlosen Nacht verschluckt werden und der harzige Geruch des Parfüms in ihren Erinnerungen verblasst. Abwesend wischt sie die Träne von ihrer Wange und läuft auf nackten Füssen zum Bett, dessen blasse Tagesdecke sie an das schimmernde Silber der Haare ihrer Oma erinnert. Es ist mehr als zehn Jahre her, mehr als eine Dekade und noch immer hört sie die letzten Worte ihrer Grossmutter, wann immer sie sich in das Bett legt, in dem die bittere Heldin gestorben war. Saftig waren sie, die Wiesen und Hügel, bevor mit dem Sommer auch das Strahlen ihres Grüns verschwand und sich Tristesse und Regen über die neue Farbgewalt der Bäume legte.

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