Endlich

„Nächsten Mittwoch kommt der Handwerker nochmal vorbei. Wegen der Fernwärme“, meinte Magdalena und reichte Sofiya einen abgegriffenen Zettel, die Visitenkarte des Heizungsinstallateurs. „Lassen Sie ihn einfach rein.“ Damit schloss sie die Tür zum Heizungsraum, hielt kurz inne und lehnte sich an die Wand. Sie wirkte verloren, kleiner, als ihre tatsächliche Größe vermuten ließe. Irgendwie ging es allen so, ihre Welt wurde durchgeschüttelt und sie balancierten auf schwankenden Brettern. „Ja, das wär’s eigentlich.“ Die beiden Frauen standen sich im Flur des Ferienhäuschens, das Magdalenas Winterquartier gewesen war, gegenüber. Die Einrichtung war ein wenig in die Jahre gekommen und die wuchtigen Möbel versetzten Sofiya in die Wohnung ihrer Großeltern zurück. Es war alles gesagt, gezeigt und erklärt, was erwähnt werden sollte. Für Fragen habe man stets ein offenes Ohr, so hatte Magdalena wiederholt betont. Sie sei rund um die Uhr erreichbar und im Zweifelsfall könne jederzeit bei der Nachbarin angeklopft werden.
„Und Sie sind sich wirklich sicher, Frau Minnig?“ Es war ein ebenso herzlicher wie bedrückender Empfang gewesen. Sofiya war dankbar, hier zu sein, gleichzeitig sehnte sie sich zurück. „Wir wollen Ihnen nicht zur Last fallen.“ Magdalenas hängende Hände schnellten in die Höhe, sie wedelte mit ihnen horizontal vor der Brust und ereiferte sich: „Nein, nein! Ich bin die nächsten Monate ohnehin auf dem Berg und bitte, ich bin Magdalena.“ Die beiden Immobilien sowie verheilte Brüche war das Einzige, was ihr von der Ehe mit ihrem Mann geblieben war. Nach etlichen Versuchen, ihre Loyalität zu dem gewalttätigen Alkoholiker abzulegen, war er es schließlich gewesen, der sie ohne mit der Wimper zu zucken, für eine andere verlassen hatte.
„Ach“, seufzte Sofiya, schluckte den Kloss im Hals hinunter, ging auf ihre Gastgeberin zu und fiel ihr in die Arme. Ihr Körper schmerzte vor Erschöpfung. „Sofiya, Freunde nennen mich Sofi.“ Seit sie den feuchtkalten Untergrund hinter sich gelassen hatten, hoffte sie jede Nacht darauf, einzuschlafen. Aber selbst in Sicherheit fand sie bestenfalls oberflächlichen Schlummer, der ihre Energiereserven tröpfchenweise füllte. „Ach, Magdalena. Danke.“
Eine Weile, drei, vier Minuten vielleicht, erstickten sie ihr Schluchzen auf der Schulter der anderen. Durch die Wohnzimmertür war Sarkis Haarschopf zu erkennen, er war auf der Couch eingedöst, hielt das Stofftier, das Magdalena ihm mitgebracht hatte, fest an sich gepresst. Er sprach nicht, lachte nicht, weinte nicht, er schaute bloß. Was er wohl gesehen hat, das ihm seine Worte nahm? Zu gerne hätte Magdalena ihm die Bilder abgenommen, sie für ihn in eine Kiste gepackt und im Garten vergraben. Was sie auch tat, es war zu wenig, würde immer zu wenig bleiben. „Schön, dass ihr da seid“, nuschelte sie. „Ich bin so froh, so froh, dass ihr da seid.“
Die Sonne war untergegangen. Sofiya löste ihren Klammergriff, dann wischte sie sich übers Gesicht und schlug vor, gemeinsam einen Tee zu trinken, bevor sich Magdalena auf den Weg nach Hause machte. „Im Paket vom Willkommenszentrum hat es eine Box mit süßlichem Apfeltee. Wenn du magst, brühe ich uns einen Krug auf.“
„Gerne“, erwiderte Magdalena und folgte der jüngeren Frau in die Wohnküche, darauf bedacht, möglichst leise am Sofa vorbeizugehen. Ruhe war eingekehrt, nach der Hektik, dem Organisieren, Vorbereiten und den ersten gemeinsamen Stunden mit einer Fremden und ihrem neunjährigen Sohn, kamen bereits Gefühle von Vertrautheit auf. Magdalena beobachtete, wie Sofiya ihre Stulpen abstreifte, sie zusammenfaltete und auf der Anrichte neben dem Kochherd platzierte. Ob sie zu derjenigen werden würde, auf die sie schon so lange wartete? Ja, sie war einsam, fürchterlich einsam, doch Sofi könnte das ändern, zu ihrer Freundin werden. „Riecht lecker“, flüsterte sie, nahm die Tasse entgegen und setzte sich an den Küchentisch. „Danke dir, Liebes.“ Gute Taten geschahen oft aus Egoismus und Magdalena redete sich ein, es spiele keine Rolle, weshalb sie ihr Heim für jemanden in Not öffnete. Wahrscheinlich stimmte das sogar.
Erneut wurde es still, schweigend tranken sie, lauschten Sarkis’ gleichmäßigem Atmen. Der Kleine hatte sich kaum bewegt, die Decke reichte ihm bis unter die Nase. Das Pflaster auf seiner Stirn war leicht rötlich verfärbt, Blut und Wundsalbe vermischten sich zu einer hellrosa Erinnerung an die schlimmsten Sekunden ihres Lebens. Sarkis und Sofiya waren weit genug von dem Einschlag entfernt gewesen, das winzige Stück von der Außenhaut des bombardierten Tankwagens war lediglich einige Millimeter in seinen Knochen eingedrungen. Sofiyas Mutter war ebenfalls zu einem Denkmal in Pink geworden, die Explosion hatte den einzigen Halt, den sie noch hatte, in einen Blutnebel verwandelt.
„Ich weiß, es sind nur zwei Zimmer“, murmelte Magdalena plötzlich und Sofiya zuckte zusammen. „Oh, entschuldige, ich wollte dich ni…“
„Schon okay. Schlechte Gedanken“, wiegelte die Alleinerziehende ab und lächelte tapfer.
„Äh.“ Magdalenas Überforderung suchte sich einen Ausweg, sie zupfte nervös an einem Häutchen neben dem Daumennagel. „Ich, ähm, wollte bloß sagen, dass dein Mann natürlich auch hier wohnen kann, wenn er flücht…“
„Nein!“, unterbrach Sofi sie. Mit geweiteten Augen schüttelte sie den Kopf und stammelte: „Nein, er darf mich nicht finden!“
„Oh. Oh, Schätzchen, ich verstehe.“ Und das tat sie. „Ihr seid in Sicherheit, das verspreche ich dir.“ Und das waren sie. Endlich.

Autorin: Rahel
Setting: Winterquartier
Clues: Stulpen, Fernwärme, Wimper, Außenhaut, Loyalität
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