Anthropologie des Verlustes

Der Vorlesungssaal ist im Vergleich zu den ersten Studienwochen wirkt reichlich ausgestorben. Einige Studenten sitzen in kleinen Grüppchen beisammen, andere kramen in alle Himmelsrichtungen verstreut in ihren Taschen, tippen auf ihren Telefonen oder warten geduldig auf den Dozenten. Dort, auf der rechten Seite der hintersten Bankreihe, bei der einzigen funktionierenden Steckdose, hat Jessica platzgenommen. Ihre Haare sind unüblich zerzaust, der Lidstrich fehlt und ihr beerenfarbener Lippenstift unterstreicht die finstere Miene. Sie hat vor drei Tagen erfahren, dass ihre Oma schwer erkrankt ist, bereut heute zum ersten Mal, sich entgegen Omas Rat für Anthropologie statt Medizin entschieden zu haben. Diese Überlegung ist eine zugegebenermaßen unsinnige, dafür willkommene Abwechslung. Selbst wenn sie ihre bisherige Studienzeit mit Viszeralchirurgie, wahlweise Endokrinologie verbracht hätte, so wäre sie dennoch kein Magier. Und Magie, ein Wunder, so kommt es Jessica vor, ist vonnöten, um das Unausweichliche in die Ferne zu verbannen.
„Hey.“ Nun tritt Hannah an die trübselige Studentin heran, ehe sie sich niederlässt und Jessica umarmt. Hannahs Kinn ruht auf ihrer Schulter, uraltes Instinktverhalten sagt ihr, das Platzieren von Kiefer und Zähnen neben dem Genick sei ein Vertrauensbeweis – ich zerfleische dich nicht, bin weder eine Bedrohung, noch gibt es einen Anlass, mich anzugreifen. „Geht’s?“, will die Brünette mit belegter Stimme wissen. Sie kennt Jessicas Oma kaum, hat sie nur einmal im Vorbeigehen gesehen, ihr freundlich zugewinkt, trotzdem fühlt sie mit. Spiegelneuronen machen es ihr leicht, Jessicas zusammengesunkene Körperhaltung rasch zu imitieren, dem Verständnis eine physische Dimension zu geben – ich weiß, was du durchmachst, trauere mit dir.
„Ja. Es ist okay.“ Hannahs Anwesenheit lindert die Angst, den Schmerz, Gemeinschaft hat die Menschheit schon über so manches Leid hinweggetröstet. Sie verursacht es zuweilen auch, ufert aus in Bösartigkeit, Ablehnung, gar Gewalt, in dunklen Stunden hingegen schenkt sie Licht. „Mach dir bitte keine Sorgen.“ Sorge um Jessicas Wohlergehen ist in der Tat übertrieben, sie wird den kommenden Wochen gewachsen sein. Dies ist kein Trick um die Empfänger dieser Geschichte in der wohligen Sicherheit zu wiegen, das Leben gehe ohnehin stets weiter, es ist eine schlichte Wahrheit. Ein gesundes Gehirn ist in der Lage Verlust zu ertragen, Trauerstadien zu durchlaufen und irgendwann, in einer Zukunft die anfangs unerreichbar scheint, damit abzuschließen. Jessicas graue Materie ist widerstandsfähig, hat psychische Wunden meisterlich geheilt, die Narben trägt sie als getroste Erinnerung an überstandenes Unheil. Es ist allerdings gleichermaßen wahr, dass diese Kerben hin und wieder jucken, Entscheidungen umstoßen, Nächte in Panik tauchen, etwas anderes zu behaupten, wäre Frevel an der Vernunft – was versehrt wurde, wird niemals mehr unversehrt, es ist ausgeschlossen, die Entropie des Seins umzukehren.
„Es tut mir … Ach“, seufzt Hannah mit gesenktem Blick. „Das ist einfach scheiße!“, murmelt sie letztendlich Jessicas Hand drückend. Ihr war diese Erfahrung der unfreiwilligen Sterbebegleitung bislang erspart geblieben, nachempfinden kann sie Jessicas Lage nichtsdestoweniger. Dieser Art der Empathie gingen Äonen der Entwicklung voraus, sie wurde durch das Überleben der Sensiblen verstärkt und zwar aus egoistischen, anstelle von altruistischen Gründen – wer mitfühlt, kann das Verhalten, die Reaktionen des anderen antizipieren, wem das Gegenüber ein Mysterium bleibt, der muss sich auf Überraschungen, mitunter böse, gefasst machen.
„Naja.“ Erneut wird Jessicas Hand gedrückt und sie versucht sich an einem aufmunternden Lächeln für ihre Freundin. Es scheitert an der Wehmut ihrer Augen, verglüht zum tragischen Symbol des Kummers. Absicht steht keinesfalls dahinter, doch selbst diese von Herzen kommende Darstellung dient einem pragmatischen Zweck, denn wer Schwäche zeigt, wird von Freunden geschont, sogar unterstützt – meine Leistungsfähigkeit ist durch ein Trauma temporär herabgesetzt, bitte teile deine Beeren und dein Fleisch mit mir. „Ich hoffe bloß, sie muss nicht lange leiden.“
„Ich auch“, stimmt Hannah ohne Zögern zu, Widerspruch wäre in dieser Situation ohnehin an strikte Bedingungen gebunden, zumindest gebietet das der Anstand. Stoßartig ausatmend richtet sich Hannah auf, sieht sich im Vorlesungssaal der Universität um und schielt schließlich auf die Uhr. „Lass es mich wissen, wenn ich dir irgendwie helfen kann“, meint sie zu Jessica gebeugt. Kooperation hat Tradition im sozialen Reich des Homo Sapiens, ist zentraler Bestandteil seiner famosen Entwicklung vom am Waldrand hausenden Primaten zum selbsternannten Herrscher, der vermeintlich finalen Hierarchiesprosse. Eine dargebotene Hand ist letztlich ein ausgestellter Schuldschein, eine erfolgreiche Strategie sich die Gunst des anderen zu sichern – ich tue dir einen Gefallen, also wirst du es mir gleichtun, wann immer ich deiner Zuwendung bedarf.
„Danke, das wird nicht nötig sein.“ Für einen flüchtigen Moment entschwindet das Unglück aus Jessicas Zügen. Erdrückende Hilflosigkeit haftet all ihren Gedanken an, wie eine hartnäckige Stubenfliege dem fruchtigen Sommertee, den ihre Oma zu ihren Grillfesten serviert. Als der Dozent mit einigen Minuten Verspätung den Saal betritt, bricht eine Kakophonie aus raschelnden Blättern, aufgeschrecktem Flüstern und verhaltenem Gekicher aus. „Danke“, wiederholt Jessica, bevor sie damit beginnt, ihre Bücher auf dem Tischchen herumzuschieben. Ihre Introvertiertheit steht ihr manchmal im Weg, meist glaubt sie sich qualvoll unbeholfen, wenn sie ihre Emotionen mit anderen teilen soll, ein lästiges Manko im menschlichen Miteinander. Eine undurchdringliche Fassade mag im Angesicht von Gefahr und Feinden unerlässlich sein, unter Freunden stiftet emotionale Verschlossenheit indes Misstrauen – sag mir was du in deinem Kopf vorgeht, oder ich gehe davon aus, dass du an Plänen zu meiner Vernichtung arbeitest.
„Ich meine es ernst“, beharrt Hannah auf ihrem Angebot, seelischen Beistand zu leisten. „Ich bin da, wenn du mich brauchst. Vielleicht geht es deiner Oma bald schon viel bess…“
„Nein.“ Jessica handelt gegen die Sitte, die Tradition zum ewigen Optimismus, welcher sogar dann lindernd sein soll, wenn er aus Täuschung wächst. „Nein, Hannah. Ich weiß du meinst es gut und ich finde es schön, wenn man an Hoffnung festhalten kann. Für mich ist das nichts. Ich will den Fakten entgegentreten, will mich auf das Schlimmste vorbereiten und sollte die statistische Unwahrscheinlichkeit eintreffen, so will ich mich in dem Wissen darüber freuen können, auch ab dem Unabwendbaren nicht zu verzweifeln.“
„Verstehe“, erwidert Hannah und hat Recht. Wenngleich unsere Protagonisten sich wünschen, die Zuversicht zu bewahren, so sieht sich jedes Tier mit einen Dilemma konfrontiert, es muss sich zwischen zwei Potentiellen Fehlern entscheiden – fliehe ich zu früh, verpasse ich die Mahlzeit, fliehe ich zu spät, werde ich zur Mahlzeit. Jessica hat sich gegen die Flucht entschieden, will das letzte Stück Kontrolle über ihr Denken und Handeln behalten. Also wird sie sich direkt nach der Vorlesung dazu zwingen, in der Straßenbahn Operationsberichte zu lesen, sich abermals klarzumachen, eine achtzehnprozentige Überlebenschance sei im Prinzip lediglich ein Euphemismus für die zweiundachtzigprozentige Morbiditätsrate. Ja, sie wird sich fragen, was ein Weiterleben bedeutet, welche Rolle Schmerzen dabei spielen werden und welchen Teil sie beitragen kann, um die verbleibende Zeit ihrer Oma dessen ungeachtet zu einer wundervollen zu machen.

Autorin: Rahel
Setting: Universität
Clues: Uhr, Kakophonie, Introvertiertheit, Steckdose, Stubenfliege
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