Halloween-Special | Es waren viele / Es war einer

Gastautor_HorrorAutorinnen: Rahel und Sarah
Titelvorgabe: Es waren viele / Es war einer

Teil 1: Es waren viele

Vor Erschöpfung zitternd erreiche ich die kleine Hütte beim See. Hier bin ich aufgewachsen, habe flüchtig der idyllischen Ruhe gefrönt, damals, als sie mich noch nicht kannten. Kaum fällt die morsche Tür hinter mir ins Schloss, geben meine Beine nach und ich stürze auf die Holzplanken. In meinen Gedanken kreischen Warnungen, sie wabern in gleissenden Lettern vor meinem Geist, drängen mich zur Eile, aber mein Körper verlangt eine Pause. Also liege ich schwer atmend eine Weile auf dem Boden, warte ab, bis mein Herzschlag sich beruhigt. Es ist nicht mein Herz, sondern das eines anderen, das fremdes Blut durch meine geliehenen Venen pumpte und mich bis vor kurzem mit Dankbarkeit erfüllte. Leider fällt diese den metaphorischen Heugabeln der Dorfleute zum Opfer, genauso wie mein Stolz, meine Freude und mein Frieden. Bloss der Lebenswille verweilt als treuer Begleiter an meiner Seite, zumindest will ich das glauben.
Ihre wütenden Rufe hallen im Wald, werden durch die dicht stehenden Bäume zerschlagen, sodass es den Anschein macht, sie kämen aus allen Himmelsrichtungen. In Wahrheit gibt es bloss einen Weg zu meiner Zufluchtsstätte im Wald und selbst dieser ist schwer zu begehen. Wer auch immer mir hierhin folgt, ist stark genug, die Natur zu ertragen. Die Frage bleibt offen, ob ich mutterloses Wesen Teil oder Perversion eben dieser Natur bin. Mein Verstand spielt mir Streiche, denn die Meute entfernt sich von meinem notdürftig geschusterten Gehör. Unmöglich, das Gefäss meiner Gedanken flüstert mir Lügen, nimmer wären sie glücklich damit, auf den Anblick meiner Gestalt im Feuer zu verzichten. Ich kann ihren Atem erahnen, wie Bluthunde stellen sie meiner Brotkrumenspur aus modrigem Gewebe nach, erfühlen jeden meiner Schritte mit der Hartnäckigkeit eines mordlustigen Tieres. In ihren Augen bin ich das Biest, das unsagbare Verbrechen gegen alles was gut und recht sein darf. Bin ich doch das Leben, das nie hätte sein sollen. Das Gebrüll verstummt, der Nebelforst weilt still. Es wird nicht mehr lange dauern.
Mein Kopf versucht mir weiszumachen ich sei bereit für ihre Ankunft, habe die Zeit vor dem letzten Moment zur Genüge ausgekostet. Nur mein Fleisch, dieses sinnfreie Konstrukt, dieser Schandfleck auf Vaters Weste, verweigert sich der Einsicht, kämpft unbeirrt weiter gegen Angst und Pein, schürt Rache wo einst Freundlichkeit war. So krieche ich mit schmerzenden Lungen über die Dielen, ersuche Götter und Hütte um einen Ort des Schutzes. Irgendwo im Dachstock, im Gemäuer vielleicht. Da kratzen ihre Pranken an der Tür, Gemurmel wird zu Worten, Worte zu Dolchen, deren Stiche meinen Kampfesmut anspornen. „Es ist da drin, ganz sicher. Scheuchen wir es hinaus!“
Keuchend erreiche ich das galvanisierte Tor, versteckt im Schrank hinter Roben. Es führt in Vaters Werkstatt, den Raum, dessen Geschichte jeder Erzählung trotzt. Hier wurde ich in meine monströse Existenz gezwungen, hier wurde mir die eine Scheusslichkeit angetan, aus deren Wurzeln meine apathische Erbarmungslosigkeit spross, hier, genau hier in dieser dunklen Kammer, hat mich Vater mitsamt meiner Moral verlassen. Die Apparatur erwacht, summt ihr grausames Lied von neuem. „Lebe, lebe, lebe“, singt sie und ich bereite mich darauf vor, ihren Zweck zu entfremden. In dieser Nacht soll sie die Energie nicht schenken, sondern sie den Menschen entreissen, deren Feindseligkeit mich in die Bitterkeit geleitete. Geschwind hocke ich auf den Schragen, lege meinen kalten Leib auf kälteren Stahl und sauge die Elektrizität in jede Faser, werde stärker, unbeugsam gegen ihren Willen mich brennen zu sehen. Leises Knarren verrät ihre Position, voller erregter Erwartung, spannen Muskeln über Sehnen und Knochen. Der bevorstehende Kampf wird siegesreich für mich enden. So mögen sie kommen, die tristen Massen der Vergangenheit, so mögen sie in meiner Zukunft zu Asche zerfallen!
Ihr Schweiss stinkt abstossend, widerlich lebendig bewegen sie sich, fliessend wie Schlamm nach Regen. Ich hasse sie, habe sie durch ihre barbarischen Taten zu hassen gelernt. Meine Abscheu ist inbrünstig, unabwendbar, ähnlich dem nichtsnutzigen Amen in der Kirche, aus welcher sie mich verstiessen. Meine Geduld droht zu reissen, dennoch halte ich mich der Überraschung zuliebe im Zaum. Der Erste taucht auf, der Zweite und Dritte dahinter und bald stehen sie alle auf den Stufen zum Laborverlies, erblicken mich im Halbdunkel ihrer Fackeln und stossen wilde Schreie aus: „Da ist es! Tötet das Monster!“

Teil 2: Es war einer

Wir verfolgen die Bestie durch den Wald, jenes Unding, dessen Lebenspfad Verwüstung, Tod hinterlassen hat. Die Wut unter, zwischen uns kennt keine Grenzen, lodert so lichterloh wie die Fackeln, welche uns in der Abenddämmerung den Weg weisen, das niedergetrampelte Moos erleuchten. Jahre ist es her, seit dieses … dieses Tier, das erste Mal Fuss in unser zuvor friedvolles Dorf gesetzt und sein grauenvolles Antlitz offenbart hat. Ekelerregt, wie wir waren, haben wir es verjagt, ehe es dazu kam, sein grässliches Werk zu verrichten. Zweifellos die richtige Wahl, unser Priester erkannte in dem widernatürlichen Wesen den Dämonen, den Boten des Schreckens, der es, seiner missglückt menschlichen Verkleidung zum Trotz, sein muss. Unser Handeln erwies sich als nutzlos, als Tröpfchen Wasser auf infernalisch glühenden Kohlen. Das Monster, der Schlächter, übte die Wiederkehr, entpuppte sich als realer Alptraum. Hütten und Scheunen gingen in Flammen auf und Lisa, meine Schwester und Frau des einzigen Gelehrten, wurde in ihrer Hochzeitsnacht auf derart grauenvolle Weise geschlachtet, dass die Erinnerung an ihr liebliches Antlitz auf ewig besudelt, getränkt in Blut bleiben wird. Unsere Waffen sind Heugabeln, verzweifeltes und armes Bauersvolk, das wir sind, haben wir zu den Mitteln gegriffen, die uns zur Verfügung standen. Mein Herz pocht wild ob der unglaublichen Anstrengung, mit dem Titanen schrittzuhalten, manchmal rutschten die Sohlen meiner Stiefel auf dem feuchten Waldboden ab und ich fange mich stolpernd. Umgeben von der Meute aus Bauersleuten, Zeugen desselben Grauens, lange ich am kleinen Bergsee an. Widerliche Hautfetzen, Teile des Unholdes, welche er in seiner Hast auf dem gefallenen Herbstlaub verloren haben muss, weisen uns die Richtung, direkt zu einer Hütte.
„Hat der verschollene Professor hier nicht sein Laboratorium betrieben?“, erkundigt sich der Hufschmied hinter mir, mit der lodernden Flamme in seiner Hand gestikulierend, auf den maroden Unterschlupf deutend. Atemlos schreit der Bürgermeister, Anführer und mutiger Leitwolf unseres Packs: „Es ist da drin, ganz sicher. Scheuchen wir es hinaus!“
Wir wissen, er muss recht haben. Uns unbekannt hat es sich damals genähert, sich nicht zu erklären vermocht, seine Absichten verheimlicht, Kinder, Weiber wie Hartgesottene verängstigt. Verstossen haben wir es, dahin zurück vertrieben, wo es herkam, in den Wald, denn keine Bedrohung darf über unsere friedliche Siedlung hereinbrechen, Furcht in unserem Sein nähren. Wer hätte ahnen können, dass dieses Biest, der Unnatürliche, der Wiedergänger, grausige Rache an uns allen nähme?
Funken elektrischen Ursprungs stieben im Inneren des Laboratoriums, in dessen alten Gemäuer es sich versteckt hält, Blitzlichtgewitter erleuchtet den Zugang, lässt ihn einladend erscheinen. In dem Flackern heben sich unsere Silhouetten gegen die heraufdämmernde Dunkelheit, die im sanften Wind wippenden Fichten, ab. Wir werden Gerechtigkeit erfahren, nein, erkämpfen, Gerechtigkeit für unser Toten, unser Leid. Was es auch ist, das Scheusal muss zur Strecke gebracht werden, dieser eine Gedanke dominiert meinen Verstand, zusammen mit einem Bild von Lisas leblosem Körper, seit jener schicksalshaften Nacht. Der Bürgermeister zögert, die kalten Blitze der Elektrizität lehren ihn Scheu vor dem Unbekannten, dem Neuen. Kurz entschlossen trete ich nach vorn, entreisse dem fülligen Mann seine Fackel und setze einen Fuss auf die Treppe zum Eingang in das Kabinett des Grauens, bevor die Meute zur Ruhe kommen oder verstört das Weite suchen kann. „Da ist es! Tötet das Monster!“, rufe ich donnernd, bewegt und wir stürmen mit erhobenen Prügeln in die verlotternde Hütte.

Teil 3: Es waren zu viele

Sie nennen sich Menschen, errichten sich dreist über meinesgleichen thronend, so wie Vater das einst getan hat. Er verwehrte mir eine Gefährtin, so wie diese tumben Schweine mir den Frieden, ja gar die Existenz selbst verwehren wollen. Oh wie sie mir den Hass eingebläut haben, den Ekel vor ihren Leibern, die Apathie gegenüber ihrer unwürdigen Selen! Vaters Apparatur schenkt mir Kraft, weit über jener eines dieser Kümmerlinge, so stürze ich auf sie nieder wie der Zorn ihres Gottes, reisse fatale Wunden in ihr kläglich blutendes Fleisch. Eine Genugtuung, welch Wohltat für meinen geschundenen Geist, sie endlich ob meiner Gewalt leiden zu sehen, ihre Qual zu fühlen. Chance um Chance haben sie verspielt, durch ihre borniert eintönige Perspektive einfach so vertan, wie dumme Viecher, die nie begriffen, es gelüstete mir nach Ruhe und Freundschaft statt Mord. Nun fallen sie vor mir auf die Knie, ersticken an ihren eigenen Fetzen und müssen wissen, dass kein Pater kommen und ihre Kehlen mit denen eines anderen ersetzen wird. Da schlägt ein Bauer, die Augen in purer Panik versunken, mit dem Knüppel auf meinen Schädel, lässt ihn zerplatzen. Meine Rage wächst, spriesst und keimt als lustvoller Todeskampf auf. Sie alle will ich vernichten, dem Erdboden gleichmachen, dessen sie keinesfalls würdig sind, ehe mein Funke mitsamt ihren Fackeln erlischt.

Teil 4: Es waren keine mehr

Entkräftet breche ich auf den spröden, blutgetränkten Planken zusammen und Tränen, eiseskalt wie nächtlicher Regen, bahnen sich ihren Weg über meine Wangen, blühen ähnlich einer Rose auf meinem Gewand . Ich bin umgeben von Überresten. Mensch, Monster, der Unterschied ist vergangen, nach dem finalen Kampf sind sie alle zerbrochen und vereint. Meine Gefährten zerrissen in ihre Teile, der Übeltäter genauso, obschon dessen Extremitäten mit kruden Nähten miteinander befestigt gewesen waren, nicht wie Gott oder Mutter Natur es vorgesehen haben. Das Böse ist in die Knie gezwungen, in die Hölle entsandt, aber zu welchem Preis? Alle streitbefähigten Männer des Dorfes hat es dahingerafft, mich schwer versehrt. All meine Kraft zusammennehmend, bäume ich mich auf und will nach meiner Fackel langen, um in einer letzten Geste alles in Asche zu verwandeln, die tapfere Meute in den Himmel zu entlassen. Nur, meine Wunden sind zu tief, bedeuten mein Ende. Meine Lungen peinigen mich, wollen mir keine Luft mehr schenken und eine Todesangst ergreift von meinen Gliedern Besitz. Mit der letzten mir verbleibenden Energie, ziehe ich mich an der fremden, abnormalen Apparatur hoch, mit welcher der Feind zuletzt gespielt hatte, aus deren Schoss er erschaffen wurde. Meine Finger ertasten einen Hebel, ich lege mich auf den Tisch und ziehe daran – ich will, nein, ich werde leben.

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